Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. Seite 673 - 674

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Zionismus und Neu-Zionismus
Date
1903-10-01
Page
Seite 673 - 674 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583915-2587768--03311-2587804
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

673 Dr. M. Gaster: Zionismus und Neu-Zionismus. 674 schaft lauschen, dass auch die göttlichen Verheissungen in Erfüllung kommen werden. Wir erstreben die Wiedergeburt der Juden innerhalb des Judentums und nur durch das Judentum. Nicht um einen politischen Staat zu bilden, nicht um eine jüdische Bureaukratie zu schaffen, sehnen wir uns nach dem Lande unserer Väter, sondern um dort überhaupt erst ganz und voll als Menschen leben zu können und als das von Gott auserwählte Volk. Dort, wo wir getrauert, dort wollen wir uns auch freuen, und den Traum der Jahrtausende mit eigenen Augen verwirklicht sehen. Das ist Zionismus, und das war bisher das einzige Prinzip, um welches sich die Juden geschart hatten, und wie in alter Zeit, so jetzt nach dem Vereinigungspunkte gewallfahrtet, um dort mit Brüdern Zwiegespräch zu halten, nicht, wie man Andern helfen soll, sondern wie wir uns selbst helfen sollen. Mit vereinten Kräften sollten die Juden endlich die Ketten brechen, das Joch von dem Nacken schütteln und stolz im Namen des Judentums den Völkern der Erde ins Auge blicken. Während die Judennot nur arme jüdische Bettler kennt und an ihnen Wohlthaten übt, kennt der Zionismus nur Juden, ob arm ob reich ist uns gleichgiltig, die die geistige Erlösung unseres Volkes erstreben und durch dieselbe auch die körperliche erzielen wollen. Der heilige Geist ruht aber nur auf den Bewohnern des heiligen Landes, so lautet ein Spruch unserer Weisen, und uns zieht es mit tausendfachen Banden in das alte geheiligte Land zurück. Eine Siedelung ausserhalb des gelobten Landes von Seiten der Zionisten und im Namen des Zionismus ist ein Widerspruch, den keine Schönfärberei und keine rhetorischen Kunststücke ' oder sophistische Spitzfindigkeiten beseitigen können. Es ist ein vollständiger Bruch mit dem Prinzipe des Zionismus und ein Missbrauch des Namens. Genau so berechtigt wären die Verwalter des Baron Hirsch-Fonds, ihre zusammenhängenden Kolonien in Argentinien als Zionismus zu bezeichnen; und dürften den Anspruch erheben, die vorbereitenden Schritte zur Verwirklichung des zionistischen Programmes zu sein. In einem gewissen Sinne sind sie auch mehr berechtigt dazu, ihre Arbeit als Vorbereitungsetappe zu bezeichnen, denn dort wird jedenfalls etwas Positives geleistet, während Ost-Afrika noch ein Problem der weiten Zukunft ist. Und trotzdem, es ist doch nur momentane Aushülfe, um der Judennot zu steuern, und ich sehe darin ebensowenig Zionismus oder eine Stärkung des Judentums, als in ' irgend einem ähnlichen Unternehmen. Es ist momentane Rettung aus dem Feuer, die Geretteten bringen aber in ihren Kleidern glimmende Funken mit, die späterhin auflodern können. Die zahlreiche und sehr mächtige Kolonie der Juden in Egypten in alter Zeit hat auch nur den Hellenismus gezeitigt, trotzdem sie geistig und geographisch nahe an Palästina waren. Nicht dadurch, dass man ihm die Lebensadern unterbindet und das Blut in ein einziges Glied hinüberleitet, stärkt man den Körper und ein künstlicher Abfluss nach Ost- oder West- Afrika oder sonst wohin kann nur einen Herzschlag herbeiführen. Unser Herz liegt in Palästina, hat schon der grosse Dichter Jehuda Halevi gesagt. Von jüdischen Idealen kann man dort nichts erwarten, als Vorbereitungsetappe dient unser Aufenthalt unter den Völkern. Eine Kolonie in Afrika hat jedenfalls nichts mit Zionismus zu tun, und es hätte nie von der Tribüne eines zionistischen Kongresses zum Ausdrucke kommen dürfen. Psychologisch lässt sich ja die Sache . erklären. Die beiden Strömungen, die ich hier zu zeichnen versucht habe, Judennot und Judentum, momentane Abhülfe für die erstere, und daüernde Freiheit für die letztere sind bisher auch hinter den Zionisten vertreten, nur musste die erstehe, die auch vom „Judenstaate" träumte und darin eine Lösung suchte, eine Zeit lang vor der anderen zurücktreten. Palästina und Zion allein konnten die Juden begeistern und zu einer imposanten Machtentfaltung aufraffen und anspornen. Im Momente aber, wo Schwierigkeiten, die man doch erwarten musste und für deren Beseitigung Zeit und Geduld erforderlich waren, die unmittelbare Erreichung des Zieles in Frage stellten, so kehrten Einige zu ihrer Prof. Dr. Mandelstamm (Kiew) Nach einer in Basel gemachten Momentaufnahme.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.