Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Zionismus und Neu-Zionismus
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 671 - 672 (sequence 2)
- Language
- German
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671 Dr. M. Gaster: Zionismus und Neu-Zionismus. 672 die Delegierten in Basel abgewichen sind, und der allein als Zionismus gelten kann und darf. Alles andere, auch wenn es den Namen erborgen würde, ist Pseudo - Zionismus, eitel Schein und Selbsttäuschung. Die zionistische Frage und die Judenfrage sind nicht gleichwertige Begriffe. Sie können nicht ohne weiteres eine für die andere umgetauscht werden. Die eine hängt mit der Judennot zusammen, die andere ist davon unabängig. Das jüdische Problem oder (jje Judenfrage beschränkt sich auf die Tatsache, dass in bestimmten Ländern Europas den Juden die volle politische und soziale Gleichberechtigung noch vorenthalten wird, und in bestimmten Ländern in etwas gewaltsamer Form. Die Juden werden unterdrückt, zusammengepfercht und in ihrer physischen und ökonomischen Entwicklung durch feindselige gesetzliche und ungesetzliche Massregeln gehindert. Gesetzt nun, dass diese Massregeln aufgehoben würden und die Schranken vollkommen niedergebrochen würden, so dass es dann gar keinen politischen oder sozialen Unterschied zwischen Juden und Nicht juden geben würde, so wäre damit die Judenfrage als solche gelöst, und der Judennot ein Ende bereitet. Wie verhält sich dieses aber mit dem Zionismus? Würde dann auch der Zionismus, wie icii und so viele, die wie ich denken, ihn aufTassen, authören? Nach unserer Anschauung gewiss nicht. Für uns bedeutet der Zionismus der Drang nach Osten, aber nach einem bestimmten Osten, nach der alten Heimat im Osten, nach dem heiligen Lande, um dort die alten Bande wieder anzukünpfen, das jüdisch - nationale und religiöse Leben wieder zu beleben, die alten Hoffnungen und Wünsche in Erfüllung zu bringen; mit einem Worte, das Joch der Völker von uns ein für allemal abzuschütteln. Damit wird auch der Judennot, aber in anderer Weise, ein Ende bereitet. Die erstre Lösung der Judenfrage bringt mit sich die Auflösung der Juden, die allmähliche Assimilation, wie sehr man auch sich gegen diese Konsequenzen sträuben würde. Die Tatsachen sind zu stark, um die Richtigkeit dieser Behauptung zu bezweifeln. Sie ist einfach das Facit der Entwicklung der Juden im neunzehnten Jahrhundert. Es war eine Art Wiederbelebung der Juden, aber ausserhalb des Judentums, und hat viele zu Scheinjuden gemacht; und auch diese Wiederbelebung ist bald zum Stillstande gebracht worden. Deshalb ist die Judennot nicht nur gewachsen, sondern auch viel stärker empfunden worden. Wie gross sie auch sei, und niemand, der die Verhältnisse in Europa kennt, wird es leugnen, so ist sie bei weitem nicht so gross, wie sie z. B. am Ende des achtzehnten Jahrhunderts war; nur wird die Not und der Druck viel intensiver jetzt empfunden, da die Juden den Unterschied zwischen Jude und Nichtjude aus persönlicher Erfahrung kennen gelernt haben. Daher auch das Bestreben, dieser Not ein Ende zu bereiten, und daher unter andern heroischen Mitteln zur Abhilfe die phantastische Idee eines Judenstaates. Der Gedanke, welcher dieser Phantasterei zugrunde liegt, ist Juden, d. h. solchen, die, als Juden geboren, unter dem Drucke leiden und sich diesem entziehen wollen, in ein politisch organisiertes Ganze zusammenzufassen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, sich eine von politischen und legalen Hindernissen freie ökonomische Entwicklung zu sichern. Es ist eine Lösung einer rein ökonomischen Frage und knüpft weder an alte Tradition an, noch ist sie an Ort und Form gebunden. Das Judentum als solches, die jüdische Kultur, das jüdische geistige Leben gehen dabei leer aus. Für unsere nationalen Hoffnungen und Wünsche ist darin kein Raum, man verkennt oder ignoriert deren Bedürfnisse, man setzt sich leichten Herzens über die geschichtlichen Bedingungen des Judentums hinweg; und kein Wunder, haben ja die Vertreter dieser Idee schon seit lange den Zusammenhang damit verloren. Eine solche Lösung empfiehlt sich nur denen, die schon halb oder ganz assimiliert sind, und kann nur denen, die am Hungertuche nagen, als unmittelbare Hilfe geboten werden. Das einzige leitende Motiv ist das der Wohltätigkeit. Es ist mehr oder weniger ein Almosen, welches der reicher begüterte Jude des Westens dem minder begüterten des Ostens bietet. Die Form, unter welcher das Almosen geboten wird, ist gleichgiltig. Es kann im Namen eines Vereines oder im Namen eines einzigen Wohltäters sein, im Grunde läuft es auf dasselbe hinaus: „Wir wollen euch helfen, wir aber persönlich brauchen es nicht." Darin etwas Nationales oder Ideales sehen zu wollen, welches Völker begeistern und sie zu den höchsten Opfern aneifern könnte, hiesse mit Worten spielen. Wie ganz anders ist doch der Zionismus, den wir predigen und dem wir huldigen. Wie gut auch die Stellung sei, in welcher der Jude sich befinde, so muss er doch mit Herz und Geist der alten Heimat denken? und den Aufenthalt unter den. Völkern als die Erfüllung der göttlichen Drohungen und Strafe betrachten, und zugleich der hoffnungsfreudigen Bot-