Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Vom sechsten Zionistenkongress
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 661 - 662 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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661 Dr. Theodor Zlocisti: Vom sechsten Zionistenkongress. 662 wenn das nicht, so bleibt es unerhört, dass ein Beamter immer nur mit zehn Delegierten gleichzeitig verhandeln kann! Man muss bessere suchen. Und dann die Gäste! Es sind vielleicht 1000 herbeigeeilt. Jeder will seine 500 Meilen (—nach den erregten Angaben hat keiner weniger hinter sich —-) nicht vergebens gemacht haben. Leider reicht die Zeit nicht mehr aus. Sonst hätte man den mächtigen Kongresssaal vergrössert. So müssen schon alle Register spielen: Freunde, Protektionen in den oberen Regionen, Trinkgelder bei den Türschliessern, Tobsuchtsanfälle und . . Ellenbogen! Am letzten Tage kann man spielend für eine Gastkarte 20 Franken erhalten. Der Nationalfonds hat sich da oft in sein leider noch schwaches Fäustchen gelacht . . . Erst allmählich kommt in das wogende Chaos Ruhe und ein Etwas, das jedenfalls begrifflich zur Gattung „Ordnung" gehört. Auch in den Geistern. Aus den 1000 Fraktionen — jeder Delegierte bildete im Anfang mindestens eine — haben sich nach und nach grosse Gruppen mit einheitlicherer Grundfärbung herausgebildet. Erst allmählich wurde der ganz unorganisch in unsereBewegunghineingeschleuderteFraktioniemngsgedanke ausgeschieden. — Die Landsmannschatten haben sich organisiert. Sie tagen in verschiedenen Lokalen. Auch in die russische Landsmannschaft dringt Verständnis für geordnete Verhandlung ein. Die acht Tage Vorberatung haben wundersam gewirkt und eine Basis für ein parlamentarismusähnliches Verhalten im Kongresse selbst geschaffen. Zum Glück sind auch menschliche Nerven keine Ankertaue, und die menschlichen Stimmbänder keine Uebertragungsriemen an der Dampfmaschine: Die Hauptschreier sind rettungslos heiser; und die auch geistig Arbeitenden sind ruhiger geworden und feierlich gestimmt. Mit andachtsvollem Schweigen und aufs schärfste gespannten Sinnen wird die Rede Herzl aufgenommen. Es war keine Begrüssungsrede, keine rhetorische Uebung, keine Volksversammlungsansprache. Es war eine Thronrede. Eine Thronrede, mit der ein Parlament eröffnet wurde. Und jedem im Saale musste es klar sein, dass derKongress eine politische Beratung, dass der Zionismus in diesem Augenblick ein historischer Faktor geworden war. Nicht alle haben sich in die geänderte Situation hineingefunden. Der Kongress war keine Heerschau mehr, keine Rednerschule, keine Versammlung von Ideologen, sondern die anerkannte Vertretung des jüdischen Volkes. Der Umschwung kam zu schnell, zu überraschend (— jedenfalls für die, die sich hatten vorlügen lassen, dass Herzl nichts tue —). Und so steht der ganze Kongress in einem merkwürdigen Zwielicht: Ueberall Erkenntnis und Verständnis der Wandlung. Aber bei vielen das Unvermögen, dieser Wandlung nachzugehen. Nun der Begriff des politischen Zionismus aus seinem Theoriegehäuse in das heisse Leben der Wirklichkeit hinaustritt, nun ein Wort, das vielen schon überlieferte, versteinerte Phrase war, zu einer wirklichen, wirkenden historischen Tatsache ausgesprosst war, wurden viele unruhig. Ereignisse und Zustände, deren Herbeiführung lange und schwere Jahre der Sehnsucht und der Arbeit galten, wrirken für den ersten Moment, wenn sie plötzlich eintreten, auf viele lähmend und erstarrend. Das ist eine längst gemachte Beobachtung aus der individuellen und sozialen Psychologie. Aber der sechste Zionistenkongress war ein lebendiges und auch erschütterndes Paradigma dafür . . . * * ■*• Ostafrika! Das war das Losungswort dieses Kongresses, hinter dem alle anderen Fragen verschwanden wie der Nebel der Morgendämmerung vor der Siegerglut der aufsteigenden Sonne. Ostafrika! Das war im Grunde doch nur das Losungswort. Das Problem aber lag viel tiefer. Und fast alle die Redner — es hatten sich mehr als hundert in die Liste eintragen lassen!! — dieser zweitägigen Schlacht voll aufwühlender Erregung, voll seelischer Zerrüttung gingen, liefen, stürmten, sausten achtlos daran vorüber. Wieviel grosse und tönende Worte gibt es in unserer Bewegung! Hier war ein Prüfstein, der das lautere von dem Truggold schied. Oder richtiger den nervösen Lyrismus von der epischen Wucht der Geschichte. Wie oft hatten wir es hinausposaunt: Wir sind das Volk. Der Wille zur Nation ist der Träger der Nation. Darum usurpierten wir uns das Recht, über das Schicksal unseres Volkes zu beraten, und unsere Führer sollten für das Schicksal unseres Volkes arbeiten. In dieser Voraussetzung gewann es auch einen Sinn: Gegenwartsarbeit zu leisten, solange das Endziel nicht erreicht sei; das nationale Bewusstsein zu schaffen, wo es erstorben, zu wecken, wo es im Unterbewusstsein schlummerte, und zu steigern, wo es jetzt galt die felsige Basis für eine lebendige Einheit und Gemeinschaft zu schaffen. Und nur in dieser Voraussetzung, dass