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Ost und West · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. Seite 663 - 664

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Vom sechsten Zionistenkongress
Date
1903-10-01
Page
Seite 663 - 664 (sequence 3)
Language
German
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663 Dr. Theodor Zlocisti: Vom sechsten Zionistenkongress. 664 wir das Volk seien, gewann es auch eine (formale) Berechtigung, die Pflegschaft jüdischer Kultur in all ihren Aeusserungen zu fordern. Man spielte, man jonglierte zwar nur mit den Begriffen. Aber man war voll heiligen Ernstes, Und nun kam das Geschick, .das politisch weitblickende Antizionisten mit Schrecken vorausgesagt hatten: Die Grossmächte nahmen uns ernst. Dabei istes ganz gleich, ob unsere rührige Agitation die Aufmerksamkeit auf die Judenfrage gelenkt hatte oder die Konstellation am politischen Horizont oder die seelische Bedrückung durch den Zwiespalt zwischen Staatsraison und der grossen Tradition der Humanität; ganz gleich, ob die leitenden Staatsmänner von uns beeinflusst wurden oder--ob sie nur so taten: Kurz! die Grossmächte nahmen uns ernst. Und nun standen wir mit beiden Beinen tief in dem Problem: Sind wir das Zionsvolk oder eine Zionspartei? War es eine Vermessenheit, von uns, dass wir uns als die Volksvertretung gaben, dass wir unsere Führer als die Volksführer hinstellten und ihnen die Autorität gaben, als Führer unseres hilfesuchenden Volkes mit den Mächten zu verhandeln? Vielleich t war es eine Vermessenheit!! Viele empfanden es nun dumpf, und sie kamen ins Schwanken. Aber die Majorität erkannte, dass es in diesem Augenblick ein Verrat wäre, unsern Führer in der Position zu verlassen, in die wir Zionisten ihn hineingedrängt hatten zu Recht oder zu Unrecht. Es hiesse sonst, dass wir ihm die Aktivlegitimation, in der durch das Baseler Programm geforderten Form mit den Mächten zu verhandeln, entzögen. Das wollte im Grunde keiner. Denn selbst die 177 Genossen, die dem Antrag des Aktionskomitees: eine Kommission zur Prüfung des Vorschlages der englischen Regierung zu bestellen, die Zustimmung versagten, wollten damit der Leitung kein Misstrauensvotum geben, sondern etwas ganz anderes treffen. Etwas ganz anderes — ohne dass jemand dieses ganz Andere des Näheren und Schärferen umgrenzen konnte.- Wer in Ruhe die Kongressakten studiert, wird die schier vulkanischen Eruptionen nicht verstehen. Die Worte Herzls waren klar und bündig: er verlangte eine der Grösse und der Höhe des Angebotes würdige Behandlung, „Wir schulden Dank für das grossartige Anerbieten, welches wir bekommen haben. Das können wir nicht bloss mit Worten und Tücherschwenken ausdrücken." In der amtlichen Zuschrift des Unterstaatssekretärs Clement Hill war deutlich gesagt worden, „Lord Lansdowne nimmt an, dass die Bank einige Herren in das ostafrikanische Schutzgebiet zu senden wünsche, die persönlich feststellen sollen, ob es dort freies Land gibt, das sich für die ins Auge gefassten Zwecke eignet." Wollte man also zeigen, dass man sich nicht in der Art der Volksversammlungen, sondern auf der nun einmal üblichen (ob im ideellen Sinne geraden oder krummen) Linie diplomatischer Verhandlung — wie sie unter Völkern Sitte ist — bewegen wollte, so war der Antrag ohne grosse Debatte zu erledigen gewesen. Die Ablehnung der von der Regierung Grossbritänniens geforderten Expedition (— die höfliche Formulierung darf darüber nicht hinwegtäuschen, dass es eine Forderung war —) wäre immer eine horrende Bornierheit gewesen. Im vollen Bewusstsein der politischen Bedeutung sogar eine Unverschämheit. Zudem war bekannt, dass das Vermögen unserer Bewegung für die Expedition nicht verwendet werden sollte. Nach allem ist es klar, dass die Kongressführung durch eindeutige Erklärungen von vornhinein den hitzigen Kämpfern die Waffen hätte entringen können. Denn die Behandlung der ganzen Frage war völlig vom Thema abgedrängt auf Gebiete hin, die vielleicht nie, sicher nicht jetzt zur Erforschung standen. Dass aber Herzl die Debatte, die zwei Tage auffrass, die Debatte der Verängstigung, der Missverständnisse, zuliess, beweist, dass es ihm darauf ankam, die Stimmung innerhalb unserer Bewegung kennen zu lernen. Kennen zu lernen, was der Zionismus nun in Wahrheit repräsentiert: Partei oder Volk, und wie tief die nationale, die nationalistische Ueberzeugung in uns wurzelt. Auf der anderen Seite aber hat er dadurch in geradezu genialer Weise die ungeduldig, missvergnügt und gehässig von ihm die endliche Erlangung Palästinas Fordernden gezwungen, sich selbst zur Geduld, zum Ausharren zu zwingen. Und so scharf und bestimmt Herzl erklärt hat, dass Zion und nur Zion unser Ziel ist und sein kann, so scharf und bestimmt wird der nächste Kongress — als Antwort auf die mit Bewusstsein entfachten Fragen — sich zu entscheiden haben, ob der Zionismus sich bescheiden will eine Partei zu sein, die lieber still steht, als nach rechts oder links vom Wege zum Programmziel abzuweichen, oder das Volk zu sein, das sich auch seiner drängenden Pflichten bewusst ist in der Gegenwart — für die Zukunft. Dann wird erst die „Gegenwartsarbeit", die bisher tote Phrase war, eine Teilaufgabe unserer grossen nationalen Arbeit werden.

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