Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Vom sechsten Zionistenkongress
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 659 - 660 (sequence 1)
- Language
- German
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659 660 VOM SECHSTEN ZIONISTENKONGRESS. Von Dr. Theodor Zlocisti. Nachdruck verboten. Schon der fünfte Zionistenkongress, der im Dezember 1901 in Basel stattgefunden, hatte ein so ganz verändertes Aussehen gegenüber den früheren. Er war nicht mehr nur Heeresschau über die wachsende Zahl der Getreuen. Nicht mehr nur eine auf dem langen Leidensweg zur nationalen Heimstätte eingeschobene Kraftstation, die neuen Schaffensdrang in die Seele der Werkleute und neuen Hoffnungsmut hineintreiben und die elektrische Spannung all der Hunderte Zionskämpfer in eine strahlend in die Golusnacht hineinleuchtende Begeisterung umsetzen sollte. Er war mehr. Er war anders. In der gesteigerten Arbeit, die er geleistet, hatte er einen festgrundierten Unterbau geschaffen, auf dem sich selbst Ereignisse von elementarster Wucht abspielen könnten, ohne dass der Boden zerrisse. Er hat seine Widerstandskraft erwiesen. Dem sechsten Kongress sahen manche mit lodernder Kampfwut, viele mit tiefer Besorgnis, alle mit Unruhe entgegen. Im Innern unseres Kreises hatte es manchen Riss gegeben. An der Peripherie sassen allerlei unruhige Elemente, die ihre Sonderwerke wohl aus der gebundenen Kraft des Zionismus speisen, aber nicht in das Gefüge des Gesamtbaues eingliedern mochten. Gallertige Begriffe, schleimige Wörter (es waren nicht einmal Worte) hatte man in ereignislos-schwülen Tagen in unsere Reihen in einer nicht ungeschickten Aufmachung als Pechfackeln geworfen. Und einige Stroh- und Schindeldächer waren in der Tat in Brand geraten. Aber als sie an den granitenen Unterbau sich wagte, erstickte die Flamme. Erstickte, noch ehe jenes gigantische Unwetter auf Israel prasselnd niedersauste, das ohnehin die — in schwüler Mittagsglut vielleicht bedrohlichen — Feuerbrünste ertränkt hätte und nun auch die verborgenen Explosivkörper zerschwemmte und unschädlich machte.. Zu allen Besorgnissen kamen die lauten Sorgen des Volkes. Schlag auf Schlag waren auf uns gefallen. Ahasver, der ruhelose, erhob sein Dulderhaupt und mit wilden, verängstigten, angstverzerrten Augen blickte er um sich und siehe: er musste wandern. Aber er wusste nicht wohin. Denn krachend waren die Eingangstore in die Länder ringsum ins Schloss gefallen. Und eine Frage bebte in der Luft. Keiner mochte, keiner wagte sie auszusprechen. Aber sie wühlte in aller Seelen: Wird der Kongress uns die Heimat bringen?! Fürwahr: es waren keine Hoffnungen erweckt worden. Aber die Not dunkler Tage brodelte heisse Träume empor und baute auf dem zitternden Grunde der Sehnsucht luftige Schlösser auf. So kam der Kongress. Mächtig war die Bewegung in den letzten Jahren angeschwollen. In planmässiger Arbeit war Stadt um Stadt, Land um Land erobert worden. Ueberall standen die Vorposten mit scharfem Geschütz, und hier und dort starke Garnisonen zum Schutze oder erst nur zum Trutz. Laut dröhnte die Werbetrommel durch die Lande. Aber neben, den Werbern schritt die aus tausend Wunden blutende jüdische Volksseele, schritten die Geister der unschuldig hingemordeten Brüder und Schwestern — und sier schlugen die lautesten Wirbel. . . So war es erreicht worden, dass in diesem Jahre nahezu V* Million Kronen als Parteisteuer, als Schekel einliefen, doppelt soviel wie im letzten Jahre, dreimal soviel wie im vorletzten Verwaltungsjahr. Und in gleicher Weise hatte sich die Zahl der Delegierten vermehrt. Nach dem Modus, dass eine Hundertschaft einen Delegierten wählen darf, waren 1100 Vertreter gewählt worden, von denen gegen 600 auf dem Kongress erschienen.-- Ein Fernstehender wird sich kaum eine Vorstellung von dem Leben und Treiben im Kongresshause schaffen können. Ein wildes Wogen und Drängen und Schieben auf den Korridoren, auf den Treppen. Ein brausendes Summen, wie das laute Rauschen des Meeres, hallt durch die weiten Räume. Der Einzelne taucht unter in dem tosenden Strom. Alle Sprachen wirbeln durcheinander; glühende von Hitze und Erregung durchfieberte Gesichter, wilde Gestikulationen, eine zitternde Hast und wirre Ungeduld bei allen. Längst sind schon ein Dutzend Anzüge von den Zigaretten durchgebrannt; und die Glasscheiben der Tür , zum Organisationsbureau sind schon drei Tage vor dem Kongress eingedrückt worden. Selbst die Ruhigsten werden fortgerissen, wenn sie in den Strom kommen. Alle Ueberlegung ist aufgehoben. Dass in einem Raum, der 10 Menschen fassen kann, nicht 200 Platz finden, will keinem in den Sinn. Es ist ein tolles Toben und Fluchen. Jedem Delegierten hätten mindestens ein Organisationsbeamter, ein Wohnungsvermittler, ein Dolmetscher beigegeben werden müssen. Und