Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Meine Eindrücke vom VI. Zionisten-Kongress
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 653 - 654 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583915-2587764--03295-2587794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
653 Dr. Ernst Tuch: Meine Eindrücke vom VI. Zionisten-Kongress. 654 Debatten des Kongresses geführt wurden, so soll hiermit doch in keiner Weise das Imposante, das der Kongress in manchen Momenten aufwies, irgendwie geschmälert werden. Man mag sich zum Zionismus selbst stellen wie man will, mag ihn als utopistische Schwärmerei erachten, aber die ihm zu Grunde liegende tiefe Idee, die in hundert verschiedenen Nuancen auftrat: Wir Juden sind trotz der Zerteilung über die ganze Erde ein Volk, und geblieben ist uns die Sehnsucht nach unserem Heimatlande, unserem Zion, sie muss sich Bewunderung erringen. Und als ich diese Idee verkörpert fand in gleicher Innigkeit im orthodoxen russischen Rabbiner, wie im modernsten alier Nationalökonomen, im nervös - sarkastischen englischen Dichter, wie im urwüchsigen Bergjuden des Kaukasus, da musste ich mir eingestehen: das Zusammenklingen dieser Stimmen, es ist ein schöner, voller Akkord im grossen Weltkonzert. Wir haben als den Fährmann des Kongresses das Gefühl kennen gelernt. Es bleibt nunmehr zu untersuchen, wie und wohin dieser Fährmann gesteuert hat. Der ausgezeichnete Gesellschaftspsychologe Georg Simmel schreibt an einer Stelle seines Werkes über „Soziale Differenzierung" : „Die Handlungen einer Gesellschaft haben gegenüber denen des Individuums eine schwankungslose Treffsicherheit und Zweckmässigkeit." Und in der Tat, ich glaube, dass bei ruhiger, sachlicher, verstandesmässiger Prüfung der Sachlage kein anderer Beschluss hätte gefasst werden können, als der hier durch das Gefühl begeisterter Menschen herbeigeführte. Hierüber möchte ich kurz meine Ansicht darlegen. Bevor ich jedoch zu der eigentlichen Hauptsache übergehe, und das ist das Ostafrika-Projekt, sei es mir gestattet, noch einige andere rasche Streiflichter über den Kongress zu werfen, um ihn auch von andern Seiten kennen zu lernen. Hauptsächlich sind es zwei Punkte, die ich noch besonders hervorheben möchte, das ist das Referat Oppenheimers und das vor dem Kongress veranstaltete Schauturnen jüdischer Turnvereine. Beide Ereignisse waren von symptomatischer Bedeutung. Das herrliche Bild eines jüdischen Volkslebens, entworfen auf streng wissenschaftlicher Basis, ausgeschmückt mit all der Poesie, die für jeden Juden das Land unserer Väter umgibt, und die kraftstrotzende jüdische Jugend, die als Vorkämpfer der physischen und psychischen Regeneration auf den Plan trat, sie Hessen uns einen Blick in die Zukunft tun, der uns mit frohester Hoffnung erfüllen muss. Ja, wenn solche Männer, wie Oppenheimer, sich in den Dienst der zionistischen Sache stellen, wenn sie nicht nur nebenher, sondern als erste tatkräftige Führer mitarbeiten, dann fürwahr beginnen die gewönlichen Tiraden der Gegner, die noch immer der Ansicht sind, die zionistische Bewegung umfasse nur Schwärmer und Gaukler, einfach lächerlich zu werden. Und wenn man nicht nur das Schauturnen der aus 9 verschieden Vereinen aus Deutschland, Oesterreich und Bulgarien zusammengetretenen 3 5 Turner beobachtete, sondern auch den geradezu revoltierenden Eindruck, den die stramme, jugendfrohe Schar namentlich auf die östlichen Delegierten machte, wenn man die Tränen der Wehmut und der Freude über einen solchen Nachwuchs sah, dann musste man sich sagen: Eine neue Zeit ist angebrochen und der Zionisten-Kongress bildet augenblicklich das heiss schlagende Herz unseres Volkes. Dass Dr. Herzl sich so viel von dem Eintreten Plehwes für den Zionismus verspricht, mutet mich sonderbar an. Von jener Seite ist nichts zu erwarten. Der Hauptfehler des Zionismus war bisher, dass er zuviel Wert auf die Diplomatie gelegt hat, demgegenüber ist das deutliche Durchringen des Kongresses zur Anerkennung der Notwendigkeit der Gegenwartsarbeit von höchstem Wert. Ich habe persönlich die Ueberzeugung, dass, was Palästina anbetrifft, die so viel verlachten und verspotteten und von Seiten der zionistischen „Regierungspartei" mit einem ungeheuren Aufwand bekämpften Trietsch'schen Vorschläge der ernstesten Beachtung wert sind. Trietsch wurde weniger durch Dr. Herzl selbst, als vielmehr durch den Kongress in unqualifizierbarer Weise behandelt; diese Abschlachtung war kein Glanzpunkt des Kongresses; die Zeit der Rechtfertigung wird für ihn kommen. Als erfreuliche Beschlüsse möchte ich die Gewährung von je 15000 Fr. für die kommenden zwei Jahre zwecks Erforschung von Palästina bezeichnen; hingegen ist die heute bereits ermöglichte Inangriffnahme des Natonalfonds, der erst 400000 Mk. besitzt, für kolonisatorische Zwecke, als sehr zweischneidig zu betrachten, diese Summe ist zu klein, um irgend etwas Bedeutsames damit leisten zu können. Doch nun zur Hauptsache. Der politische Zionismus war an einem ernsten Punkt angelangt. So wie bisher konnte es nicht mehr weiter gehen. Ist es auch an sich ein geradezu lächerliches Verlangen, wenn von einer solchen Bewegung, wie es die zionistische ist, schon nach 7 Jahren grosse praktische Erfolge gefordert werden, so wird doch thatsächlich dies Verlangen gestellt, und zwar von den Anhängern, den treuesten Freunden der Bewegung. Es rächt sich jetz't, dass in den ersten Jahren die diplomatischen Erfolge des Dr. Herzl bei dem Sultan, bei dem.deutschen Kaiser u. s. w. in ganz überschwänglicher Uebertreibung berichtet wurden, so in breiten jüdischen Massen die Ueberzeugung wachrufend, dass in allernächster Zeit der Ruf zum Aufbruch nach Palästina ergehen würde. Diese Massen, immer länger hingezogen, wurden ungeduldig und gaben zur Befürchtung Anlass, dass sie sich über kurz oder lang ganz lossagen würden. Ein zweiter Feind drohte innerhalb der Bewegung, das waren diejenigen, welche nicht unbedingt den Führern folgend, diesen vielmehr aufs schärfste vorwarfen, ihre Pflicht in Palästina versäumt zu haben; es könne dort sehr wohl mit der Ansiedlung, wenn auch vorläufig im Kleinen, begonnen werden. Diese scharfe und unablässig geführte Kritik der Herren Trietsch, Nossig u. a.,