Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Meine Eindrücke vom VI. Zionisten-Kongress
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 651 - 652 (sequence 2)
- Language
- German
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65 L Dr. Ernst Tuch: Meine Eindrücke vom VI. Zionisten-Kongress 652 wir erfahren von seinen verschiedenen diplomatischen Verhandlungen, von manchen missglückten, von anderen, die eine weite Perspektive eröffnen. Endlich spricht er den Satz aus, der die Parole des ganzen Kongresses werden soll, der das zionistische Gebäude ins Wanken bringt, der aus Freunden Gegner macht und bisherige Widersacher um eine gemeinsame Standarte schart: „. . Mitglieder der britischen Regierung . . . schlugen mir die Bewilligung eines (anderen) Landgebietes zum Zwecke der jüdischen Kolonisation vor. Das neue Landgebiet hat nicht den geschichtlichen, poetischreligiösen Wert, den auch noch die Sinaihalbinsel besessen hätte . . . Der Vorschlag bedeutet eine autonome jüdische Ansiedlung in Ost-Afrika, . Der Satz wurde ruhig, leidenschaftslos, in fast geschaftsmässigern Ton gesprochen. Jeder andere, der es gewagt hätte, vor einem Zionisten-Kongress von einer ausserpalästinensischen Ansiedelung, von einer Ansiedelung in Ost-Afrika, zu sprechen, würde mit Schmährufen überhäuft, und als Abtrünniger und Verräter behandelt worden sein. Nicht so hier! Herzl. hatte noch nicht den Tribut der Begeisterung erhalten, und der musste zuerst entrichtet werden. Er kann daher unbeirrt seine Rede fortsetzen. Er stellt diese ostafrikanische Kolonisation als eine Aushilfe, eine Notstandsmassregel dar, schildert dann seine Verhandlungen mit Plehwe, in deren Verlauf sich der russische Minister verpflichtet hatte, für den Zionismus bei der Pforte zu wirken, und schliesst endlich mit den Worten, dass wir den Antisemiten unsere Antwort in Zukunft in unserem Lande geben würden, und dass „diese Antwort bestehen solle in einem Erhöhen der menschlichen Gesittung". Da brauste ein Beifall durchs Haus, wie er nicht grösser hätte sein können, wenn Herzl an Stelle seiner offenbar gegen das Baseler Programm verstossenden Vorschläge dem Kongress die Mitteilung gemacht hätte: „Palästina ist unser, die Massen können aufbrechen". Die Gloriole erstrahlte in hellstem Licht; die faszinierende Persönlichkeit des Führers hatte, alle Hindernisse spielend überwindend, die Anwesenden zur freudigsten Begeisterung entflammt. Dieses war der erste eklatante Sieg des Gefühls über den sachlich abwägenden Verstand. Aber wenn der Kongress hier noch die Entschuldigung für sich hat, dass es sich um eine Eröffnungsrede handelte, die naturgemäss enthusiasmierend wirkt, so gilt diese Entschul-, digung nicht mehr, sobald man in die wirklichen Verhandlungen eintritt. Und doch, wie wenig sachliche Gründe wurden in der langen Debatte über das Ostafrika- Projekt für und wider angeführt! Wenn man bedenkt, dass es sich hier geradezu um die Existenz des bisherigen Zionismus handelte, ist man erstaunt, dass nächst dem Vertrauen zum Führer nur die Dankbarkeit gegen das grossmütige England und die Notwendigkeit der Schaffung eines „Nachtasyls für Obdachlose" als Gründe für die Wahl einer Kommission zur Prüfung des Projekts (denn darauf hatte sich die Angelegenheit endlich zugespitzt) angeführt wurden und als massgebend galten. Kann es einen dringenderen Appell an das einfache, schlichte Mitleid geben, als es dieser übrigens höchst unzutreffende Nordausche Vergleich der ostafrikanischen Kolonie mit einem Nachtasyl enthält? Und ist es wirklich einem ernsten Verstandesmenschen möglich, von einem „grossmütigen" England zu sprechen? Seit wann pflegen englische Minister die „Grossmut" als ein politisches Motiv zu betrachten?! Das heisst doch wirklich die Dinge auf den Kopf stellen! Und doch, gerade und ausschliesslich diese Gründe waren es, die 295 Delegierte veranlassten, dem Ostafrika-Projekt nicht feindlich entgegenzutreten. Und nichts anderes als die Erwägung, dieses Projekt bedeute einen „Verrat an der Zionsidee", liess 178 Delegierte leidenschaftlichen Protest gegen die Wahl einer Kommission einlegen. Das Gefühl, dass hiermit der „reine" Zionismus gestürzt sei — ob er in einer andern Form auf diesem neuen Wege seinem alten Ziele näherkommen würde, wurde nicht ernsthaft erwogen — dieses Gefühl trieb die Protestler aus dem Saale, liess sie draussen weinen und schluchzen. Aber das überwältigende Gefühl der unbegrenzten Sympathie zu der bestrickenden Persönlichkeit ihres Führers, der zu ihnen sprach, „wie ein Vatei zu seinen Kindern", führte sie wieder zur Versammlung zurück. Gefühl war alles! Die gleiche Erscheinung wiederholt sich immer von neuem während des Kongresses. In recht deutlicher, wenn auch nicht gerade in erfreulicher Weise zeigte sich die völlige Abhängigkeit des Kongresses von Gefühlsemotionen während der Trietsch- Debatte. Es kommt an dieser Stelle nicht darauf an, ob Trietschs Ausführungen zutreffend oder unhaltbar waren, nur das Eine ist hier zu konstatieren, dass sie als solche verhältnismässig wenig Interesse und Beachtung bei den Delegierten fanden trotz ihrer eminent kritischen Bedeutung. Dagegen war es möglich, dass persönliche Misshelligkeiten zwischen Dr. Herzl und Trietsch 2 Tage lang den gesamten Kongress in Anspruch nehmen und in höchste Aufregung versetzen konnten. Dieser Vorgang kann nicht so sehr in Erstaunen setzen, wenn man die bekannte Tatsache bedenkt, dass in grossen Versammlungen die Stimmungen der einzelnen einander gegenseitig so sehr zu beeinflussen und zu stärken pflegen, dass sympathische wie antipathische Gefühle im Augenblick weit über ihr berechtigtes Mass hinaus gesteigert werden. Auch bei. der in einem späteren Stadium folgenden Rede Dr. Franz Oppenheimers war es offensichtlich, dass der Kongress nur auf Gefühlserregungen reagierte. Die bedeutsamen national-ökonomischen und soziologischen Ausführungen Oppenheimers gingen weit über das Verständnis des Kongresses hinaus. Regelmässig aber wurde der nüchterne Denker begeistert unterbrochen, wenn er irgend eines der zionistischen Grunddogmen, wie gekünstelt auch immer, in seine Rede einflocht. So wenig sachlich also im allgemeinen auch die