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Ost und West · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. Seite 655 - 656

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Meine Eindrücke vom VI. Zionisten-Kongress
Date
1903-10-01
Page
Seite 655 - 656 (sequence 4)
Language
German
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655 Dr. Ernst Tuch: Meine Eindrücke vom VI. Zionisten-Kongress. 655 wenn sie auch auf dem Kongress gegenüber der Persönlichkeit Herzls nicht aufzukommen vermochte, hat doch im zionistischen Lager viele Anhänger für sich gewonnen. Und endlich das dritte und Haupt-Moment, welches den Zionismus zur Aenderung seiner Taktik zwang, das ist die von Tag zu Tag schwieriger und gefährlicher werdende Lage der Juden aller Länder. Durfte wirklich der Zionismus weiter mit verschränkten Armen dem ungeheuren, ziellosen Ausströmen jüdischer Massen aus dem Osten zusehen, ihre Dislozierung den philanthropischen Gesellschaften achselzuckend überlassend? Wollte er als jüdische Bewegung ernst genommen werden, so musste er eine Stellung zur Emigrationsfrage einnehmen, musste er sich endlich zur Gegenwartsarbeit entschliessen. Da kam dieses Anerbieten Englands. Wahrlich, mit schwerem Herzen mag Dr. Herzl diesen Vorschlag dem Kongress vorgelegt haben, musste er doch die heftigste Erschütterung seiner Popularität befürchten. Aber — es blieb ihm nichts anderes übrig, und dass ihm nichts anderes übrig blieb, war gut! Es wird, falls die ostafrikanische Kolonie ins Leben treten sollte, vielleicht zu einer Spaltung des Zionismus in einen „reinen" und einen „problematischen", wie Herr Temkin ihn bezeichnete, kommen. Dem ersteren wird sich dann ein grosser Teil der russischen Zionisten anschliessen (die russischen Delegierten stimmten in weit überwiegender Mehrheit gegen Ostafrika), ferner die Vertreter des „grösseren Palästina" (Trietsch u. s. w,) und das kolonisatorische Organ würde vielleicht die Orient- Kolonisations-Gesellschaft sein. Sicher würde diese Gruppe in ihrer scharfen Konzentration auf ihrem Gebiete Erhebliches leisten können. — Dem „problematischen" Zionismus aber, oder dem „praktischen", wie ich ihn lieber bezeichnen möchte, würden sich die ganzen leidenden Massen des Ostens anschliessen, denn hier würde ihnen schnellere Hilfe zugesagt. Auch ein starker Zustrom westlicher Juden würde erfolgen, nachdem die Hauptgründe, dass der Zionismus sich auf etwas (vorläufig jedenfalls) Undurchführbares geworfen habe, und aller wirtschaftlichen Gegenwartsarbeit abhold sei, gefallen sind! Der Aufschwung wird m. E. ein gewaltiger sein. Es ist kein Grund ersichtlich, warum die Nicht-Zionisten nicht an dem Projekt mitarbeiten sollten, und auch die grossen Wohltätigkeitsanstalten, die I. C. A., der Orden B. B. u. s. w., werden gern ihre Mittel diesem Werke zuwenden. Auf solche Weise werden alle diese Institutionen in organische Verbindung mit dem Zionismus treten, während ihre einfache mechanische Unterwerfung, wie sie Zangwill und Dr. Sokolow verlangen, unbillig, töricht und unausführbar ist. — Hier wäre ein gemeinsamer Boden für die Gesamtjudenheit gefunden, denn die Emigration, die Massenwanderung der östlichen Juden ist und bleibt für lange die ernsteste Frage, die wie ein Alp auf allen Juden lastet. Die bisherigen Einwanderungsländer sperren sich von Tag zu Tag mehr ab; und so wird und muss das ostafrikanische Projekt allseitige Beachtung finden. Für den Zionismus wird die augenscheinliche Abweichung vom Baseler Programm keine Minderung seines Ideengehaltes bringen. Zion kann und wird, nach wie vor, sein Ideal und Ziel sein; aber diese autonome Kolonie wird das glänzende Beispiel eines jüdischen Staatswesens geben und dadurch dem national-jüdischen Gedanken mehr Förderung bringen, als jahrelange, vielleicht jahrzehntelange fruchtlose Propaganda für Palästina. So eröffnen sich weite Perspektiven für ein gedeihliches Zusammenarbeiten von Zionisten undNichtzionisten. Aber noch 5mehr erwarte ich. Selbst wenn das ostafrikanische Projekt nicht zur Ausführung kommen sollte, ist der Zionismus jetzt endgültig auf den Weg der Gegenwartsarbeit gedrängt Er muss, ob er will oder nicht. Und so wird er sich jetzt erinnern, dass er vor allem eine national-jüdische Bewegung ist, und dass ihm als solcher die Verpflichtung obliegt, die Angehörigen der Nation allüberall zu fördern. Vielleicht wird nun doch das Parteidogma etwas schwinden, dass, da die Lösung der Judenfrage nur in Palästina stattfinden könne, der Zionismus keine Verpflichtung, keine Veranlassung zu irgend welcher Hilfeleistung in den Golus-Ländern habe! Verhängnisvoller Irrtum, den auch Nordau begeht, wenn er meint, es gäbe nur ein unverrückbares Ziel, die Besiedelung Palästinas, und nur eine Haltestelle unterwegs, eben die Kolonie in Ostafrika, als Asyl für die Obdachlosen. Wenn doch Nordau schon einmal so inkonsequent ist und die Abweichung vom Baseler Programm mitmacht — denn wo in aller Welt steht da etwas von einem Provisorium, einem Asyl? — warum geht er dann nicht gleich weiter und sagt sich: „stehen wir diesen Unglücklichen bei, ob sie nun nach Ost-Afrika gehen oder nicht"? Aber das wäre dann Kraftzersplitterung! Nun, es ist anzunehmen, dass, wie die Sozialdemokratie von ihrem ursprünglich rein negierenden Charakter zurückkam und eine positiv mitarbeitende Partei geworden ist, so auch der Zionismus von seiner Exklusivität lassen wird. Die beste Gewahr für eine Entwickelung des Zionismus in diesem Sinne geben die Worte Dr. Herzls in der Rede, mit der er den Kongress schloss: „Ich glaube, dass wir keine Masseh erst weiter verelenden lassen müssen, um sie zu starken Zionisten zu machen. Ich glaube, dass ihre Stärkung auch den Zionismus stärkt." So kann der Zionismus im Bündnis mit den grossen Wohltätigkeitsanstalten, die in soziale Wohlfahrtsanstalten umzuwandeln ihn nichts hindert, gemeinsam arbeiten unter der Devise: Nihil judaei a me alienum esse puto. Sollte, wie ich hoffe und wünsche, der VI. Zionisten- Kongress diese Wirkung gehabt haben, so wird er zum Segen des gesamten jüdischen Stammes getagt haben.

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