Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Sterblichkeit und Krankheiten bei Juden und Nichtjuden
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 635 - 636 (sequence 3)
- Language
- German
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635 Dr. Hugo Hoppe: Sterblichkeit und Krankheiten bei Juden und Niehtjuden. 636 anstalten auch nur einen einzigen jüdischen Epileptiker zu Gesicht bekommen zu haben. Auch die progressive Paralyse der Irren ist bei den Juden ziemlich selten, nur in Grossstädten ist der Anteil der Juden verhältnismässig sehr gross (in London bilden sie z. B. 21%, in Wien 20% der Paralytiker). Eine russische Statistik von Minor (1889) dagegen ergiebt, dass unter 4700 christlichen Nervenkranken 2,6 % Paralytiker und 2,9 % Rückenmarksschwindsüchtige waren, während diese in einem engen Zusammenhange stehenden organischen Erkrankungen des Nervensystems unter 696 jüdischen Nervenkranken nur in je 6 oder 0,8 % Fälle vorkamen. Ebenso wie Rückenmarkschwindsucht und Paralyse sind auch die andern schweren organischen Erkrankungen des Centrainervensystems bei den Juden selten. Es sind, wie gesagt, die allerdings viel häufigeren funktionellen Nerven- und Geisteskrankheiten und die degenerativen Formen der Seelenstörungen (Moral insanity,Zwangsvorstellungskrankheiten etc.), deren ausserordentliche Häufigkeit bei den Juden dazu führt, dass dieselben inbezug auf Nervenkrankheiten so sehr prädominieren. Wie auf dem Gebiete des Nervensystems, so neigen die Juden auch in anderen Organgebieten zu degenerativen Störungen, so z. B. zu einer Schwäche des Gefässsystems, welche sich besonders in einer Prädisposition zu Venenerweiterungen (Hämorrhoiden) zeigt. Auch die Haemophilie oder Bluterkrankheit scheint bei den Juden verhältnismässig häufig zu sein. Sehr häufig ist bei den Juden eine degenerative Erkrankung des Sehapparates, die Kurzsichtigkeit. Ebenso scheinen die Juden zum Astigmatismus und zu Farbenblindheit zu neigen.1) Auffällig ist das ausserordentliche Ueberwiegen der Blinden unter den Juden. Nach Guttstadt kamen i. J. 1880 in Preussen auf 100000 Personen bei den Protestanten 8,2, bei den- Katholiken 8,4, bei den Juden aber 11 Blinde. Besonders die angeborene Blindheit ist bei den Juden sehr häufig. Dasselbe gilt für die Taubstummheit, zu der die Juden sogar einen 2 - 3 mal so starken Beitrag liefern, als die Niehtjuden. So kamen i. J. 1871 in Bayern auf 100000 Einwohner bei den Katho- *) Dass übrigens das Trachom bei den Juden, wenigstens in Russland, sehr häufig ist, ist wohl durch die ärmlichen Verhältnisse und die damit zusammenhängende Unsauberkeit bedingt, welche die Uebertragung dieser ansteckenden Augenkrankheit begünstigt. Das Gleiche gilt übrigens für den Erbgrind und die Krätze. liken 85,6, bei den Protestanten 94,7, bei den Juden aber 181,6 Taubstumme und in Preussen bei den Katholiken 107,7, bei den Protestanten 95,5, bei den Juden aber 148,8 Taubstumme. Fassen wir jetzt die Resultate kurz zusammen, so können wir sagen, dass einerseits schwere, lebenverkürzende und lebenbedrohende Krankheiten, wie die akuten und chronischen Infektionskrankheiten, ferner die Nieren- und Leberkrankheiten, sowie die schweren organischen Erkrankungen des Nervensystems bei den Juden wesentlich seltener sind, als bei den Niehtjuden. und dass die Juden infolgedessen eine geringere Sterblichkeit resp. eine grössere Vitalität und Lebensdauer zeigen, während die StofTwechselerkrankungen und die degenerativen Erkrankungen, zumal des Nervensystems, die funktionellen Nerven- und Geistesstörungen die Domäne der Juden bilden. Wie lassen sich nun diese interessanten Ergebnisse erklären? Geradezu wunderbar erscheint die Widerstandsfähigkeit der Juden gegenüber krankmachenden Einflüssen in Anbetracht ihrer im allgemeinen zarten und schwächlichen Konstitution. Kleine Gestalt, schmale Brust, zarter Knochenbau charakterisiert ja im allgemeinen die Juden gegenüber den robusten, stämmigen, breitschulterigen Gestalten der Niehtjuden. Und trotzdem eine grössere Lebenszähigkeit. Die Einen wollen diese auffällige Erscheinung auf eine besondere Rasseneigentümlichkeit der Juden zurückführen, was aber nichts erklärt, sondern die Erklärung nur durch einen um nichts weniger verständlichen Begriff umschreibt. Andere haben auf die grössere Wohlhabenheit, das mit weniger körperlichen Anstrengungen verbundene Leben, die bessere Lebenshaltung und Ernährung der Juden hingewiesen. Ganz abgesehen davon aber, dass die Wohlhabenheit nur für eine kleine Minderheit allerdings sehr reicher Juden gilt, welche deswegen aber besonders ins Auge fallen, während das Gros, besonders im Osten, in Armut und Elend lebt, so habe ich auch oben Daten beigebracht, welche zeigen, dass selbst in den ärmlichsten und ungesundesten Distrikten, wo die Juden in den kümmerlichsten Verhältnissen leben, ihre 'Sterblichkeit wesentlich geringer ist, als bei den Niehtjuden. Auch die strengeren Speisegesetze und die sorgfältige Fleischbeschau, welche Einzelne zur Erklärung beigebracht haben, haben, wenn überhaupt, sicher nur einen sehr geringen Einfluss. Von grösserem Einfluss ist das innige und reine Familienleben der Juden und die grosse An-