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Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 627 - 628

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Die Juden von Buchara
Date
1903-09-01
Page
Seite 627 - 628 (sequence 4)
Language
German
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627 Henry Landsdell: Die Juden von Buchara. m vor 600 oder 700 Jahren zum grössten Teil aus Persien, einige auch aus Tunis eingewandert. Manche der buchariotischen Juden haben Reisen nach Europa gemacht; einer derselben sprach auch einige Worte Französicsh, wenn auch nicht soviel, dass wir uns in dieser Sprache unterhalten konnten. Ich zeigte den Juden meine Briefe und fragte sie, ob ich etwas für sie tun könne; anfänglich schienen sie mein Anerbieten gern annehmen zu wollen, indem sie mich baten, beim Emir die Freilassung irgend welcher jüdischer Gefangenen, die er noch haben möge, zu erwirken. Ihr Wunsch bezog sich namentlich auf einen früheren Ober-Rabbiner, welcher vor 15 Jahren verhaftet, nach Konfiszierung seines Eigentums gezwungen worden war, Mohammedaner zu werden, noch jetzt im Palaste gefangen gehalten wurde und die Festung nicht verlassen durfte. Nach weiterer Ueberlegung kamen sie jedoch zu der Ueberzeugung, dass eine Bitte um seine Freilassung vielleicht zu seiner Ermordung führen könne, und meine Verwendung für sie ihnen möglicherweise eher Nachteile als Vorteile bringen werde, zur Strafe dafür, dass sie mit mir über ihre Verhältnisse gesprochen hätten. Sie flehten mich daher an, ich möge nichts zu ihren Gunsten unternehmen. Die Synagoge der Juden soll 500 Jahre alt sein und besteht aus einem einfachen Raum von 15 Meter im Quadrat, der nicht die geringste Spur von architektonischer Schönheit besitzt und durch einen schmalen Gang betreten wird. An einem Ende stand ein Lesepult aus Marmor, auf dem sie mir ihre Bücher und Handschriften vorlegten, doch suchte ich vergeblich nach einem Manuskript des Propheten Daniel, welches sich nach Dr. Wolff hier in Buchara befinden sollte. Alsdann zeigten sie mir eine grössere Anzahl alter „Thorahs", Kopien ihrer Gesetze, welche in einem wüsten Haufen auf einer Plattform in halber Höhe der Decke, dem Orte, welcher hier wahrscheinlich ihr „Genizah" vorstellte, lagen*). Da ich mich selbst davon überzeugen wollte, dass dieselben, wie der Rabbi behauptete, keinen altertümlichen Wert besässen, so wurde eine Leiter gebracht, und ich stieg in Begleitung des bereits erwähnten, einige Worte Französisch sprechenden Juden hinauf, um die Manuskripte zu durchstöbern. Sobald meine Wächter dies sahen, verlangten sie, damit wir keine Geheimnisse mit einander austauschen könnten, dass ich alles, was ich zu sagen habe, durch den Dolmetscher übersetzen lassen solle; auch machten sie dem Juden begreiflich, dass sie es nicht gerne sähen, dass er dort oben bei mir sei, allein er kümmerte sich nicht darum und blieb. Bei der näheren Untersuchung der Bücher fand ich, dass dieselben wirklich nichts anderes waren, als was man mir gesagt hatte, alte „Thoras", von denen einige kaum beschmutzt waren. Wie es scheint, ist es in :}:) Die Juden bewahren an einem solchen Orte ihre alten Gesetzbücher auf, die beschmutzt oder unbrauchbar geworden sind; letzteres werden sie schon, wenn nur ein einziges Wort verwischt ist. Buchara Sitte, dass die Juden nach ihrem Tode eine gewisse Summe Geldes aussetzen, um ein neues Manuskript für die Synagoge anzuschaffen; infolgedessen befanden sich etwa 20 oder 30 alte „Thorahs" auf der Plattform, und da mehrere über und über mit Staub bedeckt waren, so stellte ich meine weiteren Untersuchungen bald ein. Ein ferneres Hindernis für meine Nachforschungen war, dass die Juden sich, neugierig, was der Besuch der Fremden in der Synagoge zu bedeuten haben könne; um uns scharten, und uns, als ich dem Rabbi meine Briefe in der „heiligen Sprache" zeigte, so dicht umstanden, dass wir kaum Luft zu schöpfen vermochten. Einige der jüngeren Leute' mit ihren kohlschwarzen Augen waren entschieden hübsch zu nennen. Ich erinnere mich nicht, je ein solches Gedränge gesehen zu haben, wie bei den Juden in Kokan, Samarkand und Buchara; sie waren nicht unehrerbietig und roh und machten sofort Platz, wenn ich mich weiterbegeben wollte, aber sie drängten sich dicht an uns heran, und die sich auf ihren Gesichtern wiederspiegelnde Neugier war geradezu überraschend. Zum Teil hatte das wohl seinen Grund darin, dass wir die ersten Engländer waren, welche sie sahen; noch mehr reizte ihre Verwunderung aber wahrscheinlich die Tatsache, dass zwei in der besten Gesandtschaft der Stadt wohnende Gäste des Emirs ihnen einen in ihrer eigenen Sprache geschriebenen Brief gebracht hatten, nach ihrer Synagoge gekommen waren und anstatt sie, wie die hochmütigen Mohammedaner, zu verachten, sich bereit erklärt hatten, ihre Wohnungen zu besuchen und ihre Kranken zu heilen, wie wir versprochen hatten. Die Leute kamen daher nicht vereinzelt, sondern in ganzen Scharen, und als wir das Gotteshaus verliessen, war nicht nur der schmale Eingang gedrängt voll, sondern sie hatten auch die Mauern und Dächer der Häuser erklettert, um uns zu sehen. Unsern muselmännischen Wächtern schien diese Aufregung keineswegs angenehm zu sein, vielmehr ärgerte es sie offenbar, dass ich mich um das Wohl der Kinder Israels bekümmerte. Als sie nun gar entdeckten, dass die Juden uns in ihre Wohnung eingeladen hatten, suchten sie uns davon abzuhalten, allein ich sagte ihnen mit grösster Entschiedenheit, ich würde meine Absicht, zu den Juden zu gehen, unter allen Umständen ausführen, einerlei ob ihnen das recht sei oder nicht, und bat den Mann, der unsere Hilfe wünschte, voraufzugehen und den Weg zu zeigen. Sevier und ich folgten, unbekümmert darum, ob die Leute des Emirs nachkamen oder nicht. Die Menge drängte sich sofort wieder heran, zum grossen Missvergnügen unseres Dschiguitts Kolutsch, der, als die von ihm verachteten Juden seinen Worten kein Gehör schenkten, in seinem Jähzorn den Polizisten herauskehrte und mit seiner Reitpeitsche um sich zu schlagen begann; um die armen Teufel in respektvoller Entfernung zu halten. Traurigen Gesichts nahmen dieselben die Schläge hin, ein Beweis, dass sie an eine solche Behandlung gewöhnt waren.

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