Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Die Juden von Buchara
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 623 - 624 (sequence 2)
- Language
- German
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623 Henry Landsdell: Die Juden von Buchara. 624 bestätigt, was wir schon in Kokan gehört hatten, dass die Juden sich nicht dem Bedürfnis entsprechend Synagogen bauen, ohne Erlaubnis des Emirs einem Muselmann kein Haus abkaufen, in der Stadt Buchara nicht auf einem Pferde reiten, keine andere Kopfbedeckung als eine schwarze baumwollene Mütze im Werte von wenigen Pfennigen und keinen anderen Gürtel, als einen Strick tragen dürfen. Wir erfuhren ferner, dass, wenn ein Muselmann einen Juden schlägt, letzterer den Blick zur Erde senken und sich demütig unterwerfen muss. Veruneinigen sich zwei Juden, so muss der Streit nach mohammedanischem Gesetze geschlichtet werden, doch sind die Juden in Buchara so eingeschüchtert, dass sie sich nicht an die Russen um Hilfe zu wenden wagen. Ich bot ihnen an, mich für sie beim Emir zu verwenden, allein sie lehnten dies ab, weil sie fürchteten, dass ihre Lage dadurch noch schlimmer werden würde. Nachdem ich das Zelt verlassen, forderte der Wirt mich auf, sein im Bau begriffenes neues Haus zu besichtigen, das nach seiner Ansicht wohl grossartig sein mochte, in welchem mir jedoch nur die vielfarbigen Verzierungen nach sartischer Mode an den Wänden auffielen. Dann bestiegen wir das platte Dach, wo Aprikosen getrocknet wurden. Von oben konnte ich in einen benachbarten Hof hinabblicken, wo ich eine unverschleierte junge Jüdin sah; das würde in Europa nichts Ungewöhnliches gewesen sein, hier aber ergriff das Mädchen, als es mich entdeckte, sofort die Flucht, wie BUCHARER JUEDIN. wenn es unschicklich gewesen wäre, sich unverschleiert vor einem Fremden sehen zu lassen. Möglicherweise wäre es geblieben, wenn mein Wirt allein gewesen wäre, denn die Jüdinnen in Centraiasien verschleiern sich auf der Strasse nur, um vor Beleidigungen geschützt zu sein. Nachdem wir auf den Wunsch unseres Dolmetschers Moses auch sein Zelt angesehen hatten, wo wir u. a. eine Pflanze bemerkten, deren Samen angeblich das Schielen heilt, begaben wir uns nach der Synagoge, deren Bau den Juden erst nach der Besetzung Samarkands durch die Russen gestattet worden ist und wo eine grosse Versammlung erschienen war, weil die besten Chorsänger der Gegend an diesem Abend singen sollten. Gleich darauf erschienen zwei Sänger, der erste ein zarter, bescheidener Mann, welcher über die ihm geschenkte Beachtung errötete, während der zweite ein um so grösseres Selbstbewusstsein zur Schau trug und die Aufmerksamkeit geradezu herausforderte. Nachdem sie uns vorgestellt waren, nahm das sogenannte Singen, das Seltsamste, was ich in dieser Beziehung je gehört habe, sofort seinen Anfang. Die erste Stimme setzte so hoch ein, dass der Mann sich mehrere Sekunden abmühte, ehe er überhaupt nur einen Ton hervorbringen konnte. Dann sang er die Worte sehr langsam und dehnte die Noten in zahlreichen Schnörkeln aus, wobei er mit Falsettstimme so laut wie möglich kreischte. Die zweite Stimme bildete die Begleitung; aber beide Sänger schrieen so laut, dass von Musik keine Rede mehr war und wir uns zu entfernen beschlossen, zumal da die Versammlung sich ohne Rücksicht darauf, dass hier Gottesdienst abgehalten wurde, immer enger um uns drängte. Der Rabbi zeigte uns, was sie an interessanten Dingen besassen, darunter ein Schriftstück in sehr kleinen Buchstaben; auch bot er mir ein Bild, welches, wie ich glaube, aus Jerusalem stammte und in der Synagoge hing, zum Andenken an. Dann entfernten wir uns aber so schnell wie möglich, nachdem der Rabbi uns noch dringend gebeten hatte, wir möchten ihn doch besuchen. Am folgenden Tage führte General Korolkow uns nach einer Schule, unter deren 77 Schülern sich nicht weniger als 30 Juden befanden, die, wie ihre europäischen Glaubensgenossen, bemerkenswerte Fähigkeiten zeigten und die russischen und sartischen Mitschüler in ihren Leistungen übertrafen. Zwei Tage später statteten wir dem Rabbi einen Besuch ab, der noch immer das Laubhüttenfest feierte und uns in seinem Zelte emfing. Er machte sich ein Vergnügen daraus, meine Fragen zu beantworten, und teilte mir mit, dass in Samarkand 2500 Juden in 400 Haushaltungen lebten. Bezüglich der „verlorenen Stämme" erzählte er mir eine wohlbekannte jüdische Tradition, wonach am Sambation, der nach seiner Meinung in China, nach anderer Angabe in Afrika sein soll, ein Volk lebe, welches die Chinesen Söhne Abrahams nennen, sowie dass die Muselmänner den Juden in