Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 609 - 610

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Ch. N. Bialik
Date
1903-09-01
Page
Seite 609 - 610 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583914-2587665--03246-2587723
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

609 J. L. Boruchowitsch: Ch. N. Bialik. 610 Der andere viel grössere Mangel ist, dass man in diesen Dichtungen häufig nicht herausfinden kann, was eigentlich zu uns spricht: der Dichter selbst oder das jüdische Volk? Diese beiden sind darin so eng verwachsen, dass es schwer zu unterscheiden ist, wem das zu uns sprechende „Ich" gehört. Manchmal glaubt man die Stimme einer leidenschaftlichen, glühenden, subj ektiven Empfindung zu vernehmen, nach einige Strophen aber überzeugen wir uns, dass wir es hier mit einem Abstraktum „Volk" zu tun haben, was die Wirkung in nicht unbedeutendem Masse schwächt. Die eigentliche Bedeutung unseres Dichters beruht indes nicht auf seinen nationelen Motiven, sondern auf den allgemeinen, die als ihren Inhalt die Natur und die subjektiven innerlichen Erlebnisse haben. Von dieser Seite hat sich Bialik erst in der letzten Zeit gezeigt, und wir können ihn dazu nur beglückwünschen. Die enge Sphäre des Nationaldichters gewährte ihm nicht den erforderlichen Raum für die volle Entfaltung seiner ganzen poetischen Persönlichkeit, und wir haben zu unserem Bedauern wahrgenommen, wie er sich immer wiederholte und dieselben Motive variierte, ohne neue Klänge hervorzubringen. Als Dichter der allgemein menschlichen Empfindungen, der unmittelbar aus der Fülle der Natur schöpft, ist Bialik zweifellos einer der besten Lyriker unserer Gegenwart. Zwar sind diese allgemeinen Dichtungen in der vor uns liegenden Sammlung nicht zahlreich vertreten, aber das wenige, das uns da dargeboten wird, sind Meisterwerke ihrer Art. Da ist ein herrliches Gedicht „Nachtgeheimnisse", das mit den wunderbarstsn Strichen den geheimnisvollen Zauber der Nacht schildert. Es ist ein Notturno ersten Ranges. Es ist ein Flüstern und Wispern, ein eigenartiges Weben und Leben, das in der schattenhaften Stille der Nacht vorgehet. Die Nacht selbst vertraut uns ihre geheimen Regungen, ihre Träume, ihre schmachtende Sehnsucht und ihr banges Schauern. Alte Zaubermärchen werden wach und weben unsere Phantasie ■■' ■> hä ■ - P « * - ' "' ^SaFiB^BSKPSH^fcfi a -; -^^^ 4* *'h-\'\i% -<// »fb ji P : 1- ■ M * |:; jj^j \ jSSJ ^\z^*#!ß, . - *3 ' .« - w jptT3^?^ _ .^^MMr^^^^t '. - - I. KAUFMANN. „DER VERLORENE PROZESS. in ihr duftiges Getriebe ein. Schattenbilder mit unklaren Umrissen huschen rasch vorüber und bewegen alle Saiten unserer Seele, es wird uns so heimlich, so zauberhaft, so sehnsuchtsvoll zu Mute . . . Da ist eine Reihe von Lichtgedichten, weiche unübertroffene Hymnen zur Ehre des Phöbus sind. Es ist ein Glitzern und Schimmern, ein Blinken und Leuchten, ein Lachen und Weben von Sonnenstrahlen, dass uns die Sinne vergehen. Wir wTerden berauscht von der Fülle des Lichtes, die diese Dichtungen ausströmen. Es ist, als ob die Sonnenstrahlen sich von selber in klingende Reime reihten und uns mit ihren Lichttönen umschwirrten. . . . „Gott! wenn du sieben Sonnen am Firmamente hängen liessest, so könntest du doch meine lichtdurstige Seele nicht sättigen!" sagt der Dichter am Ende eines solchen Gedichtes und wir glauben es ihm vom ganzen Herzen. . . . Da sind mehrere Gedichte über das Elend des Lebens, über das schwere, unerträgliche Joch des Daseins. Wie dumpfes Grabgeläute tönen die düstern Motive über das verwaiste Lied des Vogels, der im toten, winterlichen Walde sein Lied singt; über den einsamen Stern, der sein trübes Licht auf den traurigen Weg des Dichters streut; über die zurückgehaltene Träne, die das Innere seiner Seele verzehrt. Die Töne sind düster, wehmütig, herb und packend. Da sind einige schöne Liebeslieder, die von einer innigen Wehmut durchweht sind. Von diesen letztern verdient besonders erwähnt zu werden das niedliche, sowohl der Form als dem Inhalte nach unvergleichliche Gedichtchen: „ Sie schrieb ein kleines Briefchen mir." Glänzend ist das phantastische Poem „Nachtzwerglein" (rh'b "H^), in welchem das nächtliche Getriebe der Heinzelmännchen geschildert wird, die im flimmernden Mondenschein Schätze graben und mit Haufen von Goldmünzen klimpern. — Fügen wir noch hinzu, dass einige Gedichte, wie „Die Hoffnung eines Armen" ("■;>* mpn), das obenerwähnte „Hamaswid" un<^ besonders das unlängst in der Monatsschrift „Hashiloah" (mbwn) erschienene „Die Toten der Wüste" ("Die *nö), eine bedeutende epische Kraft bekunden, so erhalten wir, obzwar in allgemeinen Zügen, die ganze Eigenart des talentvollen Dichters. Von den zwei Perioden, der nationalistischen und allgemeinen, in die sein Schaffen, wie wir gesehen, zerfällt, ist für die Litteratur als solche nur die letztere von Wichtigkeit, während die erstere nur eine beschränkte, soziale Bedeutung hat. Die Poesie ist nach der trefflichen Definition Carlyles in Worten umgewandelte Musik und muss deswegen ebenso tendenzlos wie die Musik selbst sein. Ihr Inhalt muss die unvergängliche, sich immer neu gestaltende Natur und die unergründliche Tiefe des Seelenlebens sein. Sie ist Selbstzweck und darf nicht im Dienste irgendwelcher Idee stehen. Bewusst darf sie für nichts kämpfen, nichts erstreben, nichts erzielen. Im Kreise der vergänglichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.