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Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 611 - 612

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Ch. N. Bialik
Date
1903-09-01
Page
Seite 611 - 612 (sequence 5)
Language
German
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611 J. L. Boruchowitsch: Ch. N. Bialik. 612 Formen irgend einer sozialen Gestaltung, um deren Umwälzung sie sich bemüht, kann sie niemals ihre ganze Schwungkraft erlangen. Ihre Sphäre ist die Unendlichkeit, das unerforschliche Rätsel des Da;eins, die ewigen, sich immer mehr und mehr verschärfenden und vertiefenden Regungen des Innenlebens. Frei von jeder Tendenz kann erst ein Dichter die geheime, in ihm unbewusst lebende Eigenart der Volksseele zum Ausdruck bringen und damit auch nationaler Dichter im weitesten Sinne des Wortes werden. Dieses können wir speziell unseren Dichtern nicht genug einschärfen, da in unserer Litteratur in dieser Beziehung viel gesündigt wird. Herrscht doch da noch die altväterliche Meinung, dass die Poesie einen bestimmten, nützlichen Zweck verfolgen muss; sonst wird ihr jede Existenzberechtigung abgesprochen. Der Hauptvertreter dieser Anschauung ist kein geringerer als der bekannte Schriftsteller M. L. Lilienblum, der sich noch immer unter dem Banne der realistisch - materialistischen Richtung, die in der russischen Litteratur während der sechziger und siebziger Jahren vorherrschend war, befindet. Seit dem hat sich vieles verändert, und wras damals als unumstössliche Dogma galt, wird jetzt als veraltet und lächerlich betrachtet, aber Lilienblum hält noch immer wie ein strenggläubiger Orthodoxe an den Lehren seines Meisters Pissareft fest und will von keiner schönen Litteratur wissen, die nicht einem Zwecke dient. Desto mehr freut es uns, dass Bialik, der als Meister eines Nationaldichters in unserer Litteratur gilt, sich allmählich von der Tendenzdichtung abwendet und seine Leier mehr und mehr der reinen Poesie widmet. Unser Versuch über Bialiks poetisches Schaffen würde unvollkommen sein, wenn wir nicht auch seine Mängel erwähnten. Zunächst der Mangel der Sprache, Bei all dem wunderbaren, bestechenden Reichtum seines Stiles leidet Bialik an häufigem Nachjagen nach alten, anachronistischen, biblischen Ausdrücken, die er willkürlich paraphrasiert und die eine unangenehme Empfindung hinterlassen. Von einem Meister des Stils wie Bialik haben wir das Recht, zu verlangen, dass er diesen Anachronismus abstreife; statt die Worte der heiligen Schrift in abgeschwächter, ich möchte sagen: verwässerter Form wiederzugeben, bediene er sich natürlichere und lebendigere Ausdrücke, auf dass seine Dichtersprache stark pulsierendes Leben gewinne. Sodann der gänzliche Mangel an Ebenmass, der seine besten Gedichte verdirbt. Es scheint, als ob die Masslosigkeit sein Element wäre. Manche Gedichte sind so lang und leiden an Weitschweifigkeiten und Wiederholungen, dass der Eindruck fast verwischt wird. Dazu kommt noch häufige Variierung eines und desselben Themas, wie die Gedichte über das Beth Hamidrasch, die Lichtgedichte und viele andere. Aber alle diese Mängel erblassen angesichts des mächtigen, eigenartigen Talents das sich in unserem Dichter offenbart und uns zur Hoffnung berechtigt, dass er auch endlich, seine Mängel überwinden werde. BERUEHMTE JUEDISCHE WELTREISENDE. Von Dr. Adolph Kohut. I. „Der ewige Jude", „der wandernde Ahasver der Weltgeschichte" und ähnliche Bezeichnungen sind zwar nur spöttische Titulaturen, weiche den Kindern Israels seit den Tagen des Exils von ihren Feinden zugelegt wurden, aber sie sind in gewissem Sinne auch eine Ehrentitulatur für manche hervorragende Weltreisende und Forscher, die, teils ihrem Wandertrieb, teils ihrem Wissensdurst folgend, von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart bestrebt waren, unsere Kenntnis von der Welt zu vermehren, dem Handel und der Schiffahrt neue Gebiete zu erschliessen und die engen Grenzen der durch Zollschranken, Schlagbäume und andere kleinliche Mittel vom Verkehr abgeschlossenen Länder zu erweitern. Einige dieser unruhigen Schwarmgeister haben sich einen glänzenden, europäischen Ruhm erworben und sich um die Kultur des Menschengeschlechts und die Wissenschaft hoch verdient gemacht. Viele von ihnen verdienen unsere höchste Anerkennung und Bewunderung, denn sie haben einerseits mit Einsetzung ihres Lebens und ihres Vermögens den manigfachen Gefahren getrotzt, die ihnen auf ihren mühevollen und unwirtlichen Wanderungen begegneten, und andererseits standen diesen Eroberern auf dem Gebiete des Geistes nicht grosse Machtmittel zur Verfügung, wie so manchen Entdeckern und Eroberern, die ihre Ruhmestaten zuweilen durch hässliche, ja abscheuliche Handlungen, wie Unterjochung und Brandschatzung der betreffenden Bevölkerung, befleckten. Selbstverständlich ist es nicht leicht, in fernen Ländern das Richtige zu sehen und auf Grund des Entdeckten und neu Erschlossenen Folgerungen zu ziehen und sie der Wissenschaft und der allgemeinen Kenntnis nutzbar zu machen. Es wäre jedoch ein grosser Irrtum, wollte man glauben, dass in früheren Jahrhunderten die menschliche Intelligenz und die rastlose Energie nicht bereits grossartige Resultate gezeitigt hätten. Ein Rückblick auf die Männer jener Epochen dürfte daher gerade in dieser Beziehung von besonderem Interesse sein.

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