Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Ch. N. Bialik
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 607 - 608 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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607 J. L. Boruchowitsch: Ch. N. Bialilc. 608 Blumenbettchen ist. Geniesse, bevor Deine Lunge vermodert!" „Auch wir schlafen", lispeln träumend die Blumen, und von oben her winken die Sterne: „wir schlafen mit offenen Augen". Süsse Düfte berauschen seine Sinne; eine Luftwelle dringt ihm von selbst in den Mund, und ihm wird so wreit in Kehle und Brust. Da fühlt er, wie seine müden Glieder nach Ruhe lechzen, und er streckt kraftlos seine Hände aus, als ob er den Wind anflehen wollte, ihn von hier fortzutragen, da ihm hier so eng und er so müde ist. Aber ein Stoss an einen Gartenzaun rüttelt ihn aus seinen Träumen auf und erinnert ihn an seine Pflicht, an seinen Winkel und er eilt in die Jeschiwa. Im leeren Räume der Jeschiwa harren seiner die drei Genossen, die sich ihm bei seiner Ankunft hierher angeschlossen: das brennende Licht, das Pult und der Talmudfoliante. Und nun beginnt das Lernen. Den ganzen Tag bis zur Mitternacht, verlässt er seinen Platz nicht. Hier nimmt er./ zu sich sein karges Mahl, das aus einem Stücke schwarzen Brotes bestehet, und lernt und lernt und lernt. . . . Die Sonne geht auf und die Jeschiwaschüler erscheinen. Das Haus wird erfüllt von hunderten von verschiedenartigen Tönen, die sich zu einem ohrbetäubenden Gebrause vereinigen, Sehnsuchtsvoll, innig und so herzzerreissend traurig sind diese Töne. Es ist, als ob die jüdische Seele stöhnte und klagte ob dieser nutzlosen Vergeudung der jungen, blühenden Kräfte, die den Schatz eines jeden anderen Volkes ausmachen. Mit feurigem Eifer wird gelernt, bis die Zungen erstarren und die Kehlen austrocknen. Gegen Abend kommt der Schamos und es wird das Minchagebet veranstaltet. Nach dem kurzen Gebete zerstreuen sich die Schüler, der geht nach dem Walde, der nach dem Felde. Nur der Masmid verlässt seinen Posten nicht und fährt fort, im leeren Räume seine traurigen Talmudmelodien mit ihrem ewigen monotonen Refrain: „Ach, ach! Raba sagt" zu singen. „Was aber das Leben ruft und schreit", klagt der Dichter, „gelangt an dein Ohr nicht, und gleich einem Taubstummen hörst du dessen Stimme nicht. „Ach, ach, Rabe sagt, aber für den Schrei deiner Seele, die täglich aus deiner Kehle stöhnt, ob des Hinschwindens deiner besten Kräfte, hast du kein Ohr ... du stellst dich, als ob du ihr Flehen nicht hörtest, erwürgst ihr glühendstes Verlangen und unterdrückst ihre leiseste Regung, bis deine Seele sich müde schreit und lechzend und schmachtend für immer einschläft, ohne zu lieben und ohne geliebt zu werden. Und deine beiden Augen, die zum Sehen geschaffen, die das ganze Weltall sehen konnten, erlöschen, ohne etwas gesehen zu haben. Gleich einem Gespenste bewegst du dich in einem längst verschollenen Leben, und einer Spinne gleich kriechst du auf vergessenen Pfaden.---Und wozu und weswegen wurden diese Seelen geschaffen?" . . . Aber auch dieses dahinschmachtende Leben wird von einem Hoffnungsstrahl erleuchtet. Süsse Zukunftsbilder lachen seiner düstern Seele entgegen. Er träumt von seiner glücklichen Rückkehr nach dem Elternhause mit einem Rabbinatszeugnis in der Tasche und mit dem Rufe eines grossen Talmudgelehrten, zur Wonne seiner Eltern und zum Ruhme seiner Vaterstadt. Und je mehr er von diesem lichten Endziele träumt, desto teurer und lieber werden ihm seine Leiden, sein Hungern und sein enger Winkelraum, und desto stärker und flammender klingt seine Stimme. „In meiner Jugend," schliesst der Dichter, „habe ich diese Stimmen gehört und diese stummen Geistesarbeiter gesehen. Auf ihren gerunzelten Stirnen, in ihren grossen Augen lag es wie Mitleidsflehen. Jede Runzel, jeder Blick sprach lautlos von erwürgten Gefühlen, von erloschenen Funken. Erinnere ich mich aber ihrer Stimme, die, ach, so traurig wie Sterbeseufzer klingt, dann klagt meine Seele: O Gott! warum werden diese Kräfte vergeudet?" . . . Diese stummen Geisteskämpfer verschwinden aber mehr und mehr. Sie sind jetzt, nach des Dichters eigenen Worten, nur noch in entlegenen Städtchen der Diaspora, wo „unser altes Licht noch im Verborgenen raucht", anzutreffen. Die Schulhäuser entvölkern sich und geraten in Verfall. Und dieser Verfall des alten Judentums, mit seinem Glauben, mit seiner eigenartigen Weitanschauung . und Poesie wird vom Dichter in einer Elegie: „Auf der Schwelle des Bethhamidrasch" beklagt. Nach langer Trennung stehet er wieder im „Heiligtum des Gottes seiner Jugend", im verfallenen, alten Bethhamidrasch. Es bietet sich ihm ein jämmerlicher Anblick dar. Die vom Rauch geschwärzten Wände neigen sich, an der Decke zittert das Spinngewebe". Im Staube liegt eine leere Lade ohne Tora, in einem Fasse modern alte, vergilbte Pergamentrollen. Einige Sonnenstrahlen dringen traurig durch die1 Ritzen, und es ist, als ob jede Ecke jammerte und klagte. Mit gebeugtem Haupte und elend wie ein Bettler stehet er an der Schwelle und weiss nicht, ob er den Ruin dieses Heiligtums oder seinen eignen Ruin beweinen soll. „Das Nest ist leer, die Jungen zerstreut. Manche sind an Felsenklippen zerschellt, viele andere irren in fremden Feldern." Ein Trost nur bleibt ihm: Die Hoffnung, dieses uralte Heiligtum wieder aulzurichten . . . Das ist in möglichst kurzer Wiedergabe der Inhalt der Bialikschen nationalen Dichtungen. Ausser den allgemeinen, nicht unbedeutenden Mängeln, die der Bialikschen Muse überhaupt anhaften und auf die wir am Ende unseres Versuchs näher eingehen werden, können wir nicht umhin, auf zwei Mängel, die speziell diesen Dichtungen eigen sind, hinzuweisen. Der eine dieser Mängel ist der häufige, fast in jeder Strophe sich wiederholende Gebrauch des Wortes Gott, was diese Dichtungen an Unmittelbarkeit beeinträchtigt. Dieses Wort dient' dem Dichter als eine Art deus ex machina, das ihn über jede poetische Schwierigkeit hinwegbringt, beim Leser aber ein unangenehmes Gefühl zurücklässt.