Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Ch. N. Bialik
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 605 - 606 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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605 J. L. Boruchowitsch: Ch. N. Bialik. 60Ü erhalten hat? — — — 0, mein elender Bruder! Wenn du dies alles nicht kennst, dann geh in das alte, uralte Beth Hamidrasch, in den langen, öden Winternächten, in den glühend-brennenden Sommertagen, am Mittag, in der Morgen- oder Abend-Dämmerung; und Hess Gott noch einen kleinen Rest übrig, dann wirst du noch heute im dichten Wändeschatten, in einem finstern Winkel, oder am Ofen, gleich einsamen Halmen, gleich einem Schatten davon, was dahingeschwunden, düstere Judengestalten mit abgezehrten, verwitterten Gesichtern sehen, Juden, die das schwere Goluthjoch schleppen und ihr Elend durch den alten Talmud beschwichtigen, die ihre Armut durch Midraschsagen zu vergessen suchen und ihre Sorgen durch Psalmen unterdrücken, dann wird deine Seele erraten, dass du die Schwelle des Hauses unseres Lebens betreten hast und dass du vor dir den Hort unserer Seele siehst!" Das also ist das Beth Hamidrasch, das bei dem Goluthjuden die Stelle einer Heimat vertrat und in dem sich sein ganzes geistiges und gesellschaitliches Leben konzentrierte. Wie es darin in der alten guten Zeit herging, was es für das geistige jüdische Leben bedeutete, wird uns in einem anderen grossartigen Gedichte ,,DerMosmid"(vonön) geschildert. M o s m i d heisst in der Jeschiwasprache ein Fleissiger, der sich mit dem ganzen Eifer auf das Studium des Talmuds wirft, der seine ganze geistige Kraft in den alten Babylonischen Folianten begräbt und für die Aussenwelt wie tot ist. Für ihn existiert auf der Welt nichts als die Debatten des Abaje und Robbe und die dialektischen Spitzfindigkeiten der Tanniten und Amoräer. In dieser toten Athmosphäre verblühet seine Jugend, verwelken seine Kräfte. „In diesem Hause", erzählt der Dichter von einem solchen Mosmid, „zwischen diesen Wänden verstrichen volle sechs Jahre seines Lebens. Hier endete seine Kindheit und reifte seine Jugend, hier erloschen seine Augen und erblichen seine Wangen. Volle sechs Jahre verstrichen, seitdem er sein Gesicht zur finstern Wandecke hingewandt. Vor sich sah er keinen Sonnenstrahl. Nichts als Spinngewebe und schmutzige Wandtünche . . . Volle sechs Jahre, Jahre der Jugend und Blüte, verschwanden ohne Leben gleich einem Schatten für immer, gleichsam, als ob seinen Kerker nicht berührten und seine Ecke nicht streiften. Als ob alles Dasein aus der Erde verschwand und hinter der Wand die Erde aufhörte. Als wäre die Sonne hinter dem Fenster erloschen. Und als ob aus dem Knaben kein Jüngling wurde — gleich einem Schatten, gleich Unleben volle sechs Jahre!" Und doch brachte dieser Zeitraum Veränderung sogar in einen solchen stehenden Sumpf, wie die Jeschiwa. Die Talmudjünger wechselten; diese gingen fort, andere kamen. Teils wurden sie auch fortgejagt, der eine wegen verborgenen Kartenspiels, der andere wegen nächtlicher Unterhaltung mit Mädchen, der dritte wegen verborgenen Studiums des More Nebuchim, der vierte wegen Rauchen am I. KAUFMANN. „DER REWACH." Sabbath an einem gewissen Orte . , . Mancher wurde zum Bräutigam für ein dickleibiges Dorfmädchen gewählt; ein anderer wurde ernannt zum Rabbiner in einer grossen Stadt. Nur der Eine bleibt unbeweglich an seinem Platze. Hinter ihm ziehen die Begebenheiten und die Jahre vorüber und vor ihm — eine eiserne Wand, eine düstere Ecke und graue Folianten. Nur die Morgenröte, der Mond und die Finsternis wissen, um welche Zeit er kommt und gehet. „Sogar die Sonne hat ihn niemals gesehen." Täglich stehet er nach einem kurzem Schlafe mit Tagesanbruch auf, wenn noch die Morgensterne blinken. Stille Ruhe herrscht in der ganzen Natur, die ihren letzten geheimnisvollen Traum austräumt. Nur die wehenden Lüftchen und die funkelnden Sterne lauschen seinen Schritten. Da fächelt ein loser Wind aus der Aetherbläue ihm entgegen und flüstert ihm heimlich Verführerisches zu. Seine beiden Augenlider schliessen sich, als ob sie ihn anflehten, sich seiner schwarzen Augen, die sich während des ganzen Tages und der halben Nacht abgemüht hatten, zu erbarmen und sich wieder zur Ruhe zu begeben. Der Jüngling aber fährt mit seinen dürren Händen über die zufallenden Augenlider, als ob er seine sündigen Gedanken fortjagen möchte, und wieder hallen seine einsamen Schritte in den leeren Strassen. Da säuselt der Wind in dem Laube des Gartens und flüstert ihm leise zu: „Sieh, lieber Jüngling, wie blühend mein