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Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 601 - 602

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Isidor Kaufmann
Date
1903-09-01
Page
Seite 601 - 602 (sequence 7)
Language
German
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601 Dr. G. Kutna: Isidor Kaufmann. 602 sich müht. Und diese Sätze sind zugleich die Wahrheit, die letzte Wahrheit aller Ewigkeit; denn sie haben ihre Quelle in der Wahrheit des Sinai. Und das Kind soll das fassen. Es soll Gedanken fassen, Erscheinungen begreifen, die die Ewigkeit berühren; und verlangt doch nach Kinderart nach Greifbarkeit, nach Lebendigkeit. Aber hier ist nichts als die Scheite, der Ofen mit den kaltgewordenen Aepfeln. Es stützt den sinnenden Kopf, die Hand bewegt sich zu suchender Frage, die Augen sind ins Unbestimmte verloren. „Rabbinatskandidat." Hart war's, aber er hat sich hineingewunden, und nun ist er ein Kenner. Nun ist es seine Welt geworden. Rings ist alles dürftig, arm und leer. Aber er hat seine Heimat gefunden, und darum ist soviel sichere Gegenwart in dem Räume, in dem er sitzt. Alles zieht er an sich, alles fügt sich seinem Wesen ein, und das kühle Nebeneinander der Dinge bekommt ein festgesponnenes Dasein in dem Centrum seiner Person. Wie anders ist dieser Mensch, als die Männer in dem Trödelkram. Dort stete Bewegung, Lachen und Sprechen und Gesten, und doch ist alles Dasein ohne Halt, ohne Schwerkraft, als schwebe es nur fragend und bittend im Räume umher. Hier in dem ruhigen Nachsinnen ist glaubhafte Wirklichkeit, sicheres Dasein und wurzelfeste Persönlichkeit. Hier aus seinem Talmud kann ihn niemand vertreiben, hier ist eine Welt von festem Gefüge, von sicherer Gegenwart, sicherer Zukunft. I. KAUFMANN. „MEINE FRAU". I. KAUFMANN. RECHENUNTERRICHT. „Von des Hohenpriesters Stamme." „Der Strahlenglanz Gottes ruht auf ihm", sagen die Frauen, „ein Liebling Gottes", sagen die Männer, und auch der Rabbi lächelt, wenn er ihn sieht. So gross ist die Macht der Schönheit auch in diesem phantastischen Eilande des Lebens. Er gehört zu den Auserwählten, die nicht Talmud zu studieren brauchen und doch Gelehrte sind, die nicht zu beten brauchen und doch fromm sind. Seine Eltern sind reich, vornehm oder Kinder des Rabbi, und er ist schön. Die Augen sind von milde dunklem Glänze, die Hände zart und weiss, und die Stimme ist voll süssen Klanges. Wenn er im Tempel singt, werden die Männer weich, die Frauen weinen vor Entzücken, und für die Kinder geschieht ein holdes Wunder. Er aber blickt weich und träumerisch in die Welt und singt sich ohne Grübeln in seine mystischen Sphären hinein. In solchen Gestalten hat diese Judenheit Berührung mit dem Lebenssinn ästhetischer Kultur. Hier liebt sie die Schönheit und den Traum, nicht den Scharfsinn und das Wissen; die Poesie und das sinnlich Lebendige, nicht den Begriff und den Intellekt. Auf dem Umwege über die Mystik lernt sie erfassen, dass „das Buch, da alle Heimligkeit innen lieget, der Mensch selber ist." „Sohn des Wunderrabbi von N . . ." Jahre vergehen, die Formen des Gesichtes werden härter, der

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