Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Isidor Kaufmann
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 603 - 604 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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603 Dr. G. Kutna: Isidor Kaufmann. 604 Mund leidenschaftlich herbe, Zug um Zug von verhaltener Erregtheit. Wilde Gesänge klingen, heisses Beten dringt stossweise nach oben, Trauer wird mit Jubel vermengt. An Festtagen sucht man Grund zum Weinen, und an Trauertagen lächelt es heimlich um den Mund. Phantastische Bilder umfloren das Auge. Tiefer birgt es seinen rätselhaften Glanz und blickt dahin, dahin in das weite Land, in das Land all der gewaltsamen Zauberbilder, in flammendem Rausch, in bezwingendem Taumel. Und es zuckt um die Wimpern, und es zuckt um den Mund, um die fahlen Lippen; es zuckt um die bleichen Züge, bleich vom Wachen der Nacht. Wie ein Stück wirrer Nacht blickt uns das entgegen; wirr vom ewigen Ausschauen nach dem Tag. Aber es giebt keinen Tag dieser Nacht, nur Luftspiegelung, die sie sich selber vorgaukelt. Es ist zuviel Vergangenheit in diesem Blick, zuviel versengende Glut, wie sollte der junge, frische Morgen da hinein! Es giebt eine Vergangenheit, die alle Zukunft tötet, wie es eine Vergangenheit giebt, die stetig Zukunft gebiert. CH. N. BIALIK. Eine literarische Studie. Von J. L. Boruchowitsch, Bern. II.*) Der Dichter wurde unmittelbar von dem ihn umgebenden düsteren Leben gestimmt, und darum ist auch sein Lied so düster, rauh und wild. Er ist darin mehr Prophet als Poet, mehr leidenschaftlicher Kämpfer als Sänger. Das Leben, aus dem er seine Motive schöpft, ist grenzenlos elend, so poesiearm, dass seine Gedichte, die höchste Glut des Gefühls erreichend von nicht bedeutendem poetischen Gehalte sind. Sie wirken auf uns nicht kraft des süssen Schauers des unbekannten Etwas, das wir Poesie nennen, sondern durch den unsäglichen, leidenschaftlichen Schmerz, den sie ausdrücken, durch die glühenden Tränen, die in ihnen beben. Vergebens suchen wir in den Bialikschen Zioniden eine Spur vom sogenannten romantischen Zionismus. Die süsse, träumerische Sehnsucht nach dem alten Heimatland mit seinen sagenhaften Ruinen und Bergen, was allein imstande ist, eine poetische Stimmung hervorzurufen, findet bei Bialik einen sehr schwachen Anklang. Er sieht nur vor sich das Volk, diese „ungeheure, grosse Leiche", und ihm gilt es, mit der Flamme seiner Empfindung Leben in diese Leiche zu hauchen, sie mit seinem Donnerworte aufzurütteln und empfindbar zu machen. Zion gilt für ihn als selbstverständliche, historische Heimstätte des jüdischen Volkes und er hegt für dieses keine besonderen romantischen Gefühle. Was sich aber aus der alten Hoffnung auf Erlösung, aus der nebelhaften Sehnsucht nach Zion schaffen lässt, zeigt uns Heines Jehuda Halevi, die betreffenden hebräischen Motive Byrons, die grossartigen „Lieder Jesuruns" von Konstantin Schapiro und endlich die herrlichen Gedichte „Messias" und „Für den Messias" von David Frischmann. — Viel poetischer ist Bialik in der Behandlung des alten, dahinsterbenden Judentums, wie es sich im Beth Hamidrasch (tpncn rrn) verkörpert. Für *) Siehe „Ost und West", Heft 8. den Beth Hamidrasch hegt der Dichter eine innige kindliche Hingebung. Er selbst ist ein Zögling des Beth Hamidrasch, in dessen Raum er seine Jugend verbrachte und dessen alte Folianten seine einzige Geistesnahrung bis zur Mannesreife ausmachten. Und er hat dem immer mehr und mehr, durch den Andrang der Kultur und die rasche, alle alten Formen vernichtende Flut des Lebens, in Verfall gekommenen Beth Hamidrasch ein poetisches Denkmal gesetzt, wie noch niemand vor ihm. Gordon verhielt sich zum Beth Hamidrasch negativ. Er sah in ihm eine Stätte voll Schmutz und Unwissenheit; alles erstarrt, ohne Leben. Bialik dagegen ist ergriffen von der Poesie dieser alten „Zufluchtsstätte des grossen Geistes des alten Volkes", wie er es nennt. Er bebt und schauert vor dem unsichtbaren Gotte, der in diesem Räume schwebt und sein Volk tausende Jahre voll unmenschlischer Leiden hindurch erhalten hat. „Willst du die Quelle kennen", sagt der Dichter, „aus der deine dem Tode geweihten Brüder in den Tagen der Not eine solche Kraft, eine solche Geistesstärke schöpften, um mit Freude dem Tode zu begegnen, den Hals jedem scharfen Messer, jedem geschwungenem Beile entgegenzustrecken, den Scheiterhaufen zu besteigen und mit dem Ausrufe IHK den Märtyrertod zu sterben." Willst du den Schoss kennen, in den dein Volk seine Tränen, sein Herz, seine Seele und Galle ausschütteten, die Stätte, wo seine Klagen ausbrachen, Klagen, vor denen die Hölle bis ins tiefste Innere erbebte, Seufzer, vor denen selbst Satan erzitterte und Jammerrufe, die Felsen sprengen konnten, nicht aber das Herz des Feindes, das härter als ein Felsen, grausamer als Satan ist? Willst du die Burg kennen, wohin sich deine Vorfahren mit ihren Idealen, ihrer Tora, ihrem AHerheiligsten flüchteten. Willst du den Zufluchtsort kennen, wo sich in aller Reinheit der mächtige Geist deines Volkes