Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Isidor Kaufmann
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 599 - 600 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583914-2587657--03225-2587718- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
599 Dr. G. Kutna: Isidor Kaufmann. 600 I. KAUFMANN. „RABBINATSKANDIDAT". weiter zu führen. Darum zeigt sein Körper mehr Bewegung und freies organisches Leben. Das eine Bein sorglos über das andere geschlagen, die Hand wohlig ruhend, mit dem Daumen unter die Weste geschoben. So spielt sich das ab. Aber nur für Augenblicke. Dann wird das Spiel beiseite geschoben. Doch auch im Spiel merkt man die Armut und das Alter dieser Menschen. „Rechenunterricht". Der Vater sitzt am Tische und demonstriert seinem Jungen. Dieser ist gross und kräftig, aber geistig geht es schwer. Darum zeigt ihm der Vater die Geheimnisse der Arithmetik in spielender Form. So fängt das mit der Kindheit an, dieses Spielen mit dem Gedanken, dieses Balancieren des für und wider. Der künsterische Vorwurf liegt hier in dem Zusammentreffen der Ausführung des Vaters mit dem Verständnis des Kindes. Der Vater demonstriert seine Analyse, er ist eben an den Punkt gelangt, wo Behauptung und Beweis aufeinanderstossen und zu der einen Wahrheit werden. Jetzt bekommt die ganze Ausführung ihre klare Notwendigkeit. Darum hebt der Vater den Kopf mit einem Ausdruck der Erwartung, die Hand hat sich in Achsendrehung gewendet und macht jene Einbiegung der Fläche, in der die Hand etwas hinreicht und schon zuckt, um die Bestätigung zu empfangen, die korrespondierende Bewegung des inneren Vorgangs. Und eben blitzt es auch auf im Geiste des Kindes, im nächsten Augenblick wird die Spannung gelöst sein und beide werden befriedigt lächeln. Befriedigter als Vater und Sohn eines anderen Kreises. Denn es ist nicht Freude an der Person allein, es ist auch Freude an der geistigen Operation dabei. Das Mittel ist zum Zwreck geworden, und man freut sich geistiger Schärfe, ohne dass sie dem Leben oder der Wissenschaft nütze. Man zergliedert und isoliert, setzt das Zergliederte in Synthese, so lose verknüpft, dass das eben Gebaute sofort wieder gestürzt werden kann. So ist der eine froh, dass er die Synthese gemacht, und der andere stolz, dass er die falsche Synthese wieder aufgelöst. Es entsteht ein imaginärer Besitz; was da in dem Zimmer liegt, ist Moder und Nichts, so demonstriert der Vater dem Sohne sein Erbteil. „Das Verhör." Es ist still; der Vater sitzt am Tische und denkt über den Talmud nach und über sein Geschäft. Da kommt der Sohn aus der Ecke und fragt den Vater was. Dieser antwortet und spielt mit dem jungen Geiste. Dann kommt der Nachbar herein; nun spielen sie beide mit ihm. Es gilt, eine Stelle zu übersetzen, einen Satz zu erklären oder zu erraten, wrarum eine fingierte Midraschstelle nicht stimmen kann. Aber das Kind merkt es nicht, es weiss nicht, wo es einsetzen soll, um der Frage beizukommen. Da nimmt der Nachbar zwei Aepfel aus der Tasche und legt sie hin als Preis für die Lösung. Das lockt, aber das Finden ist so schwer, wenn die zwei da sitzen und wissen und lächeln und drängen und mit ihm spielen. Und wozu auch dieses Spalten und Vergeistigen, diese spitzen Gedanken und diese spirituelle Blässe? Wozu? So dächte das Kind, wenn es aus seinem Lebenskreise heraustreten könnte. Aber das kann es nicht. So steckt es den Finger in den Mund und blickt blöde verschämt zu Boden. Und die Männer lächeln überlegen, wohlwollend und mit Liebe, aber überlegen. Die Liebe ist da, doch der Liebe fehlt die Höhe; und in ihrer Höhe bekommt die Liebe erst ihre lautere Schönheit. Die Höhe fehlt; und doch formt sich in dieser Stunde der Charakter des Kindes. „Schwierige Talmudstelle." Nun ist er da hingesetzt vor den Folianten mit seiner Welt von ungeordneten Gedanken, mit seinen Sätzen und Erläuterungen aus allen Gebieten des Lebens. Mitten hineingesetzt, ohne Vorstudien, ohne Voraussetzungen, in diese Dispute, Fragen und Widerlegungen, Bilder und Gleichnisse; denn beim Talmud giebt es kein früher, kein später, und das Kind fängt mit demselben Stoff an, mit dem der Greis