Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Ost und West
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 585 - 586 (sequence 5)
- Language
- German
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585 Fabius Schach: Ost-und West. 586 Volkes beweinend und sein Herz zerreissend. So hat nie ein Volk um seine zerstörte Herrlichkeit geklagt. Eine düstere Majestät waltet hier und reisst uns mit ihrer Kraft mit. Noch erfüllt es mich heute mit Schauer, wenn ich an das Jom-Kippur-Bild meiner Jugend denke: Eine Synagoge, vollgedrängt von betenden, schreienden, lebhaft sich geberdenden Religionsgenossen. Neben jedem brennt eine Kerze, die das Bild noch unheimlicher gestaltet. Die Beter sind in Totenhemden gehüllt, der Vorbeter weint und singt mit gebrochenem Herzen, alles betet nach mit der Stimme schmerzerfüllter Seelen. Und wir Kinder zittern am ganzen Körper, wir fühlen mit, dass Leben und Tot jetzt in der Luft schweben. Alles steht hier vor dem gewaltigen himmlischen Richter, und es gilt, mit aller Kraft das Leben zu reinigen, die Zukunft zu retten. Oder am neunten Ab: Der grosse Betsaal ist nur mit wenigen Kerzen beleuchtet. Auf der Erde in langen Reihen kauern Männer mit finstern Gesichtern, und stöhnend und jammernd schreien sie hinaus die herzzerreissenden Klagerufe Jeremias. Wie eine Frau, die ihr teuerstes Kind beweint, so hört sich ihr Beten an. Wie Schatten erscheinen sie da, finster und bleich, und immer wieder entringt sich der Schrei tiefsten Schmerzes der gequälten Brust und Seufzer erfüllen die Luft. Nun erheben sich die Leute, gemarterte Seelen, abgemagerte orientalische Gestalten in alten zerrissenen Kleidern, finster gehen sie ohne Gruss an einander vorbei. Und alles ist tot und trüb, kein Lachen, kein lautes Wort, selbst wir Kinder ducken uns und fürchten uns, zu sprechen. Und mir schwebt vor der grosse Klageprophet mit dem gramvollen Antlitz, dem grauen, langen Bart, im wallenden Trauergewände. Er sitzt da auf einem verlassenen Hügel, den Blick auf die zerstörte heilige Stadt gerichtet, als wollte er in diesen Blick das ganze Leid seines Volkes legen. Schutt, Trümmer, Rauch und Leichen ringsumher, und — noch schlimmer — hungernde, zu Tode gemarterte Gefangene, die ins Elend wandern. Wahrlich, das ist ergreifende Nationaltrauer, ein Quell ge waltiger Poesie! Die Andacht des westeuropäischen Juden ist kalt, modern-europäisch, das nationale Moment ist gewichen, die jüdische Seele hat bereits Toilette gemacht, sie zeigt sich nicht mehr in ihrer eigenartigen Gewalt. Hier ist alles schön geordnet und geregelt nach Schemen und Vorschriften. Eine herrliche Musik mit Orgel und Chor, eine bilderreiche Predigt, aber das Sich-Ergiessen der Seele fehlt, die Wärme ist fort. Es hat sich hier etwas Neues, Fremdartiges mit dem Judentum verbunden, ohne organisch zu verschmelzen. Es ist aus dem alten Bethause ein Mittelding zwischen Synagoge und Kirche geworden. Die moderne Synagoge mag schön und für den, der in diesem Milieu aufgewachsen ist, andachterregend sein, — den aber, der in der Jugend in einem altmodischen Gotteshaus gebetet hat, wird sie stets kalt berühren, und alle Kunstmittel werden ihn in eine weihevolle Stimmung nicht hineinpeitschen. Es ist eine alte psychologische Wahrheit, die Religion kann nur auf das Gemüt und nicht auf die Vernunft wirken, sie bedarf der Wärme, der Poesie. Ohne Ekstase giebt's keine eigentliche Religion, ohne Seelenglut keine Andacht. Die Verschiedenheit der Gemütsverfassung zeigt sich auch in der Reformidee. Dem russischen Juden muss jede Reform verhasst sein, weil sie ihm etwas Widernatürliches ist. Sie entspricht nicht seiner Natur und er muss darin eine Zerstörung des Nationalgeistes erblicken. Jede Reform, namentlich der Zeromonie und des Kultus, bedeutet eine Konzession an den Zeitgeist. Das konnte nur in Westeuropa entstehen. Der russische Jude macht keine Konzessionen, er lebt nur in Extremen. In Russland war die Reform eine importierte fremde Pflanze, die nur kurze Zeit vegetierte und bald ganz verdorrte. Die ganze Epoche der „Maschkilim" (Aufklärer) war, wenigstens in der unseligen Synagogenstürmung, etwas Künstliches, daher hatte sie keine Zukunft. Auf Aenderung des Religionslebens hatten diese Aufklärungsapostel gar keinen Einfluss, und im Leben haben die Verhältnisse reformiert und nicht sie. Die „Chorschul" war eigentlich nur ein Sport und dort wehte die kalte Luft des Konzertsaales. Der russische Jude ist zu radikal und zu ernst für solche Spielereien. Eigentlich giebt es in Russland nur zwei Sorten Juden: religiöse und Freidenker. Zwischen beiden gibt es keine Kompromisse, weil beide konsequent denken; beide aber haben das nationale Element gemeinsam, daher bleiben sie treue Söhne des Volkes. In Deutschland haben wir viele, ach gar so viele Sorten von Juden: Ganz-, Halb- und Viertel-Reformer, Alt- und Neu- Konservative, Orthodoxe, Gesetzestreue — und immer noch tauchen neue Spezialitäten auf. Zwischen diesen Riehtungen giebt es viele Mittelschattierungen, und stets gilt es, mit dem Leben, mit dem Zeitgeist, mit der Macht und mit der Mode zu feilschen und zu paktieren.