Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Ost und West
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 583 - 584 (sequence 4)
- Language
- German
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583 Fabius Schach: Ost und West. 584 geordneter, besser organisiert und auf das kleinere Wirkliche zugeschnitten. Die Flügel sind kürzer, aber der reale Boden fester. Diese Gegensätze resultieren nicht allein aus den äusseren Verhältnissen, sie sind auch innerlich motiviert durch die Seelenbeschaffenheit. Daher zeigen sie sich noch mannigfaltiger und feiner nuanciert im Kultur- und Gemütsleben. Im Osten ist alles schroff, wild, kühn, ausgeprägt individuell. Alles ist hier sprunghaft, ohne stufenweise Entwickelung, ohne harmonische Abrundung. Es fehlt hier die normale Erziehung durch Generationen, die allein das Fliessende in richtige Geleise bringt. Alles ist am osteuropäischen Juden vibrierendes Leben, alles atmet Temperament und Wärme, alles aber auch ist nervös und im Stadium der Ekstase. Es ist ein Rausch, in dem der russische Jude lebt, — wenn er nicht in das dumpfe Nirvana versinkt. Der Witz ist beissend, der Zorn feurig, der Geist aufs Spitze, Sophistische, oft Bizarre gerichtet. Selten finden wir in einer Seele so viele Gegensätze beieinander, wie beim östlichen Juden. Beim kleinlichen, nüchternen Krämer finden wir ein kindlich weiches Gemüt, beim grausamen Fanatiker eine unvergleichliche Barmherzigkeit und Opferwilligkeit, beim trockenen Talmudklügler poetische Phantasie und dichterischen Schwung. Dichtende Rechner, rechnende Dichter, philosophierende Künstler und sophistische Naturforscher, — alles das ist nicht selten vertreten. Und diese Gegensätze wohnen nicht in messianischem Frieden beieinander, sondern sind in ewigem Kampfe und zerfleischen die Seele. Ein reiches Musterlager an Originalen wie selten wro. Es ist eine rätselhafte Welt, eine alte, sich ewig verjüngende, eine Gärung ohne Ende. Unter dem Eise lodert die Glut des Orientalen, und neben der Verzweiflung haust die religiöse Resignation. Optimismus und Pessimismus sind . miteinander eng verschmolzen, Fatalismus und leichter Sinn gehen Hand in Hand. Bald sehen wir den östlichen Juden verzagt, bald aber klammert er sich an einen Strohhalm und baut Paläste in der Luft. Es ist ein ewiges Werden, etwas Unausgereiftes, Unfertiges, und in der Brust lebt noch der Urmensch, das' Kind, das empfängliche, begeisterte, allen Wandlungen sich anpassende Kind. Der östliche Jude lebt mehr in höheren Regionen als in der Wirklichkeit, er macht der bösen Wirklichkeit Konzessionen, aber nur gezwungen und auf Widerruf, innerlich ist er mit ihr nie ausgesöhnt. Im Westen erscheint uns das jüdische Kultur- und Geistesleben abgeklärter, harmonischer, aber — auch matter. Die Zustände sind hier konstanter, man findet hier mehr Ruhepunkte, aber es ist oft die Ruhe des Todes. Hier zehrt alles, soweit man überhaupt noch jüdisch denkt und fühlt, von der Vergangenheit. Die Gegenwart ist arm an Idealen und inneren Kämpfen, weil im Hintergrund keine Zukunft winkt, — und sie wäre noch ärmer, wenn der Antisemitismus nicht das Gesetz der Trägheit stören würde. Ist die jüdische Seele hier tot? Nein, aber sie schlummert im dumpfen Indifferentismus, und es müssen schon heftige Stürme kommen, um sie aufzurütteln. Das eigentliche pulsierende Leben ist hier nicht mehr zu entdecken, es fliesst alles aus zweiter Quelle, verdünnt, destilliert, verzuckert. Alles Jüdische hat hier bereits ein geborgtes oder gekauftes fremdes Gewand angenommen. Im Osten ist die jüdische Volksseele in ihrer Urkraft. Sie lacht mit echt jüdischem Sarkasmus, sie weint heisse orientalische Tränen, sie donnert im Zorn und zerfliesst in der Liebe. Im Westen ist ein dumpfer, versteckter Schmerz, — versteckt sogar vor sich selber. Die Freude ist gedämpft, das Leid geschwächt. Die Gefühle wirken eben nicht mehr unmittelbar, sie sind durch den Intellekt gegangen, sie sind bereits korrigiert und philiströs zugestutzt worden. Eigentlich macht alles jüdische Leben im Westen einen senilen Ejndruck, es ist etwas Epigonenhaftes, der Lebensfluss ist unterbunden. Alles ist hier modern gefärbt, verhüllt, mit Nebel verschleiert, — unbewusst natürlich, aber die Frische fehlt. Im Osten hat die jüdische Seele eine Heimat, eine enge, düstere, schmerzensreiche, aber doch eine Heimat, in die sie mit ihrer Individualität hineinpasst. Im Westen führt die jüdische Seele ein heimatloses, flatterndes Dasein, ohne individuellen Halt. Daher kann hier keine Poesie, keine Kraft gedeihen. Nirgends vielleicht kommen diese charakteristischen Gegensätze so stark zum Ausdruck, wie auf dem Gebiete der Religion. Man beobachte einmal den urwüchsigen östlichen Juden betend in der Synagoge. Welche Ekstase, welch ein Aufgehen im Gebet, welche Kraft der Andacht, welche Verzücktheit im Sich-Eins-Fühlen mit * seinem Gotte! Da schwindet die Wirklichkeit mit all ihren Freuden und Leiden, es giebt nur ein Grosses, ein Gewaltiges dem-Gotte-Nahsein. Es ist ein Stück schaurige Romantik, die darin liegt. Man sehe den russischen Juden am Jom-Kippur seine Sünden beichtend und Gnade erflehend. Man sehe ihn am Tage der Nationaltrauer das Elend seines