Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Ost und West
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 587 - 588 (sequence 6)
- Language
- German
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587 Fabius Schach: Ost und West. 588 So scheinen diese beiden Welten des Ostens und des Westens Antipoden zu sein, — aber sie scheinen nur so. Die Gegensätze berühren sich auch hier gar zu häufig, denn sie sollen, ihrer natürlichen Bestimmung entsprechend, einem Zwecke dienen. Der Talmud sagt: „In drei Momenten zeigt sich die wahre Natur des Menschen, in seiner Trunkenheit, seiner Barmherzigkeit und seinem Zorn"*). Das erste Symptom scheidet glücklicherweise für uns Juden aus. Der Jude berauscht sich wohl gern, aber selten an Wein und Bier. Selbst unsere trinkfesten Studenten trinken mehr zur Bekundung ihrer „teutonischen Tapferkeit", als aus Durst. Aber an der Wohltätigkeit und am Zorn erkennt man den Juden. Und man erkennt auch daran den Juden des Ostens und des Westens. Wie der Zorn sich äusserst, und wie die Barmherzigkeit sich betätigt, — das ist ein Charakteristikon für beide Gruppen. Beim Juden des Ostens entlädt sich der Zorn in ehrlichem, wildem Hass, beim westeuropäischen Juden verdeckt der moderne Firniss des guten Tons die innere Natur, und man reicht einander die Hand mit lächelndem Gesicht und verbissenem Groll. Die Barmherzigkeit fliesst beim Juden des Ostens unbändig wie ein Bergbach, mit Tränen und Schmerzen, mit Freude und Begeisterung. Er giebt, von einem intensiven Drange geleitet, was er hat, oft ohne Rechnung und Ziel. Beim Westeuropäer geht auch die Mildtätigkeit häufig durch den Kopf, ist leider oft mit Eitelkeit und Koketterie gepaart und kommt durch den nicht immer schönen und praktischen modernen Apparat zur Ausführung. Aber in beiden bekundet sich das jüdische Herz, das teuerste Erbe des jüdischen Volkes. Beide Pole begegnen hier einander, verschmelzen miteinander durch die Liebe. Hier, im jüdischen Herzen, ist noch der lebendige Strom des jüdischen Elements, und von hier aus muss die Versöhnung des Westens mit dem Osten beginnen. Von hier aus muss das grosse Werk seine Kraft schöpfen, um das Tote zu beleben, das Schlummernde zu wecken und das Trennende zu verbinden. Ich sage: muss, weil ich keinen anderen Weg zur Lösung der Juden- *) Im Original bildet der Satz neben dem psychologischen Sinn auch ein Wortspiel wegen des gleichmässigen Klanges: „bekosso, bekisso ubekasso." In der Uebersetzung lässt sich dieses leider nicht wiedergeben. frage sehe, weil beide, Ost und West, durch die Trennung leiden müssen. Tritt hier keine gesunde Renaissance ein, dann ist. der grösste Teil der westeuropäischen Juden bald für das Judentum ganz verloren, und die osteuropäischen Brüder gehen in Finsternis und Not zu Grunde. Beide Elemente sind aufeinander angewiesen, beide können nur durch einen engeren Zusammenschluss gesunden. Beide haben einander so viel zu geben und von einander so viel zu empfangen, dass das Geben hier so selig wie das Nehmen ist. Der Osten hat #inen Schatz von Wärme, Kraft und Leidenschaft. Er kann auf den Westen erfrischend und verjüngend wirken. Er kann die noch vorhandenen Keime zu neuem Leben erwecken und neue Kräfte entfalten. Der Westen hat eine harmonische, gediegene Bildung, einen Sinn für Ordnung und Organisation, für gesellschaltliches und soziales Leben. Er kann auf den Osten regulierend, zähmend und erziehend wirken. Er kann die hier brach liegenden Kräfte nutzbar machen, die Leidenschaften in den Dienst der Vernunft stellen. Vor allem gilt es, einander zu verstehen. Noch ist der Osten den Juden des Westens ein Buch mit sieben Siegeln, und auch der östliche Jude begreift oft den westeuropäischen Stammesgenossen nicht mehr. Nicht einander verhöhnen, sondern einander studieren — ist die Parole. In der Kultur und in der Litteratur Israels würde dadurch ein gewaltiger Fortschritt, eine unvergleichliche Bereicherung entstehen. Hier ist der eigentliche Quell für eine jüdische Renaissance. Die natürlichen Führer dieser Bewegung sind nicht die weltfremden Gelehrten und nicht die „Mächtigen", sondern die jüdischen Denker, die Männer, die modern und jüdisch denken. Ist erst die Erkenntnis von der Notwendigkeit dieses grossen Werkes durchgedrungen, dann wird man auch die Bahn finden, die zum Ziele führt. Unsere Entwickelung war lange genug eine unnatürliche, daher scheint uns das Natürlichste unerreichbar. Die Trennung \$rar Unnatur, die Einigkeit bedeutet die Rückkehr zur Natur. Die Sage erzählt uns von den verlorenen zehn Stämmen Israels, und unsere Gelehrten suchen sie in allen möglichen Zonen und Rassen. Suchet die immer mehr verloren gehenden Brüder in der Nähe, und ihr'werdet sie finden.