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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 553 - 554

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Nietzsche und das Judentum
Date
1903-08-01
Page
Seite 553 - 554 (sequence 4)
Language
German
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553 Dr. phil. Augusta Steinberg: Nietzsche und das Judentum. 554 dunkeln Ghetti durchrauscht. Auch das Leiden musste den Juden zur Stärkung und Bereicherung dienen. Jeder einzelne von ihnen ist mit den Erfahrungen seines Geschlechts beladen, wie mit einem schweren, köstlichen Schatze. Er ist der Erbe jener kalten Ueberlegung, jener beharrlichen Tätigkeit, jener feinen Kriegslisten, die seine Väter in sturmvollen, finstern Tagen aus sich herausgebaren, aber auch jener Tapterkeit, jenes „Heroismus im spernere se sperni", jenes todesfreudigen Opfermutes, dem seine Idee höher noch steht als das Leben. Man hat ihnen Ekel an sich selber einflössen wollen, als man sie während zweier Jahrtausende in den Schmutz hinabstiess. Aber nichts konnte ihnen jenen alten Glauben nehmen, dass sie das „auserwählte Volk" seien. Noch immer fühlen sie sich zu den vornehmsten Aufgaben berufen. Sie haben sich auch in den Zeiten des schwersten Druckes das Gefühl ihrer Selbstachtung zu erhalten gewusst; der Geldhandel lag in ihrer Hand und damit die Macht, die Feinde gelegentlich ihre Ueberlegenheit fühlen zu lassen. „Denn unsere Achtung vor uns selber ist daran gebunden, dass wir Wiedervergeltung im Guten und Schlimmen üben können." Niemals aber ist ihre Leidenschaft zu weit gegangen. Die Einflüsse des Bodens und der Menschen, die sie auf ihren weiten Wanderungen erfuhren, haben ihren Blick gross gemacht und ihre Geschmeidigkeit im Verkehr erhöht. Sie sind so reich an geistigen Hilfsquellen geworden, dass sie nur selten sich körperlicher Lohnarbeit unterziehen müssen, um ihr Dasein zu fristen. Die Zahl der Lastträger, der Ackerbauer unter ihnen ist äusserst gering. (Nietzsche kennt wenig das Elend der osteuropäischen Juden, die zu allem greifen, um leben zu können, und garnicht die Bestrebungen der zionistischen Bewegung, die vertriebenen und heimatlosen Juden zum Ackerbau anzuleiten.) Wie gut sie sich dem Leben in jeder seiner Formen anzupassen wissen, beweist, dass sie das geringste Kontingent zu den Alkoholikern und Selbstmördern stellen. Nietzsche nennt sie einmal „das. Volk der Anpassungskunst par excellence". Jedes Anbequemen an die äusseren Verhältnisse erfordert einen gewissen Verzicht auf Charakter, ein Verschwindenlassen von scharf hervortretenden Seiten seiner Individualität. Als das Werk einer ingeniösen Schauspielerei erschien ihmdie jüdisch - christliche Moral. Noch heute findet er im jüdischen Stamm in gewissem Sinne eine „Schauspielerbrutstätte": „welcher gute Schauspieler ist nicht Jude?" Und da er im Litteraten von heute wesentlich einen Schauspieler sieht, der ohne Berechtigung den Fachkundigen auf allen Gebieten spielt, so findet er es natürlich, wenn die Juden als die geborenen Litteraten die Könige der europäischen Presse sind. Andererseits aber pflegen gerade die jüdischen Gelehrten ein reinliches, scharfes, d. hu ehrliches Denken. „Ueberall, wo Juden zu Einfluss gekommen sind, haben sie feiner zu scheiden, schärfer zu folgern, heller und sauberer zu schreiben gelehrt: ihre Aufgabe war immer, ein Volk zur Raison zu bringen." Sie haben sich der Logik als eines Zwangsmittels bedient: dem heftigsten Rassenwiderwillen zum Trotz setzen sich logische Argumente durch. So wirken sie inmitten der übrigen Völker. Noch aber haben diese ewigen Wanderer ihr Ziel nicht gefunden. Zwar sind sie aus den mittelalterlichen Ghettis hervorgedrungen, wo man sie in isolierter Weltferne. hielt. Allein man türmt neue Schutzwälle und Bollwerke gegen sie auf. Es ist unverkennbar, dass der neuzeitliche Verkehr unwiderstehlich zur Vermischung sämtlicher Nationen untereinander drängt. Aus dem Widerstreben der Völker gegen das drohende Erlöschen ihrer nationalen Eigenart entwickelt sich der — wie Nietzsche ihn nennt — künstliche Nationalismus, der sich gegen jede Aufnahme fremder Elemente sträubt, und selbst jene, die während langer Jahrhunderte im Schosse seines Volkstums sassen, mit einem plötzlichen, gewaltsamen Ruck ausscheiden möchte. Kein Wunder, wenn innerhalb dieser nationalistischen Staatswesen die Juden mit ihrer überlegenen Tatkraft und hohen Intelligenz alle Quellen des Neides und Hasses aufreissen. Der Antisemitismus bildet sich, eine Spottgeburt aus Bosheit und Dummheit, die für alles Uebel in der Welt blindlings die Juden verantwortlich macht. Wie sehr Nietzsche die volle Erbärmlichkeit dieser Bewegung aufging, beweist die Stelle: „.....seitdem Wagner in Deutschland war, condescendierte er Schritt für Schritt zu allem, was ich verachte — selbst zum Antisemitismus." Das scheinheilige Tugendheucheln der Antisemiten verspottet er in einem Aphorismus, den er einem ihrer Sorte an die Haustüre schreiben möchte: „Wie? ihr wähltet die Tugend und den gehobenen Busen und seht zugleich scheel nach den Vorteilen der Unbedenklichen? Aber mit der Tugend verzichtet man auf Vorteile." .... Diese nationalistischen Perioden aber sind blosse Anwandlungen im Leben der Völker. Unaufhaltsam eilt die Geschichte ihrem Ziel entgegen:

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