Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 555 - 556

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Nietzsche und das Judentum
Date
1903-08-01
Page
Seite 555 - 556 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583913-2587540--03174-2587615
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

555 Dr. phil. Augusta Steinberg: Nietzsche und das Judentum. 556 der Verschmelzung der Einzelrassen zu einer Mischrasse. (Nietzsche ahnte nicht, dass in der Brust des jüdischen Volkes das nationale Bewusstsein wieder aufflammen würde. Er glaubt vielmehr, dass erst mit jener von ihm verkündigten Völkereinigung der Tag der jüdischen Nation kommen wird.) Dieses Volk, das „den edelsten Menschen (Christus), den reinsten Weisen (Spinoza), das mächtigste Buch und das wirkungsvollste Sittengesetz'' hervorgebracht hat, wird nicht bloss zu einer den übrigen Nationen gleichgestellten Rolle berufen sein, sondern zur Herrschaft. Die Juden haben ihren Rubikon überschritten; sie stehen vor der entscheidenden Zukunft, die sie vielleicht zu Europas Herren machen wird. Freilich, sie selbst wissen am besten, dass sie nicht mit dem Schwerte in der Hand Europa erobern werden. Aber dereinst wird der Morgen heraufziehen, wo Europa „wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hand fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegenstreckt".". Inzwischen ist ihre Aufgabe, zuarbeiten, die ersten Rangstufen zu erklimmen, der Kultur ihren Stempel aufzudrücken. Und wie sollten nicht „grosse geistige Menschen und Werke" aus der Fülle ihrer gewaltigen Erlebnisse hervorgehen? Mit dithyrambischem Schwung tönt der Aphorismus über das Volk Israel in der „Morgenröte" aus: „Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen vermögen und vermochten, wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt haben wird: dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volkes freuen darf, — und wir Alle, Alle wollen uns mit ihm freuen!" TISCHAH-BÄB. Ein Bild aus der Gasse. Von Schalom Asch. . . . Und die Gemeinde Israels schmollte mit dem Ewigen. Wie eine schöne Braut, die dem Bräutigam die Brautgeschenke zurückwirft, so warf die Gemeinde dem Schöpfer der Welt die Thora zurück. „Geh, mit unsrer Freundschaft ist es aus!" „Heute ist Tischah-B'ab! Heut .wird nicht „Thora gelernt." . . . Junge Schwiegersöhne, die auf „Kost" sind, und Bachurim gehen müssig herum. Chederbuben laufen, als gäbe es auf der Welt keinen Kantschu, keinen Cheder, keinen Rebben, frank und frei auf dem Markte umher. Und in dem alten Beth-Hamidrasch sitzt die Thora ganz allein in einem Winkelchen traurig und jammert zu des Ewigen Majestät: Heut haben mich alle verlassen! * * ' ■* Die Sonne warf noch einen letzten leuchtenden Blick auf die Dächer im Städtchen, auf den halben Klotz, der vom letzten Zirkus her noch mitten auf dem Markt steht, und vergoldete die Scheiben der grossen Ausspannung, die am Eingang zum Städchen liegt. Nach Westen zu aber hat die rotgoldene Sonne sich schon tiel gesenkt, und eine schwere Wolke, die kaltblütig von der anderen Seite des Städtchens heranschwebte, hat das flammende Sonnenauge wie mit einem grauen Hauch überzogen. Und die vielen lichtigen Strahlen, die noch auf dem Markte umherirren, sind kaum nur noch so hell wie ein Lämpchen, dessen Docht herabgedreht ist. ... Noch war es Tag, da wurden schon die Läden zugemacht, einer nach dem andern. Und wie nun eine Türe geschlossen wird und wieder eine, und die bunten Schilder im Innern verschwinden, so dass nur ein schwarzer Fleck auf der freien Mauer übrig bleibt, da ist es mir, wie wenn in einer hellbeleuchteten Stube plötzlich ein Licht ausgelöscht wird ... Ein Licht und wieder ein Licht. Und es wird dunkel, ganz so allmählich, so allmählich wie die Hochzeitsgäste den Hochzeitsaal verlassen, in den sich nun die graue Trauer hineinschleicht. . . . Vor irgend einer Tür steht ein hoher, dürrer Jude in einem zerrissenen langen Rock, die Lenden fest gegürtet, und starrt mit verträumten Augen zum Himmel empor. Seine eingefallenen Wangen beben, wie wenn der Wind durch trockene Blätter weht. Dann wendet er seinen Blick vom Himmel und sieht über den Markt hin, als ob er sagen wollte: „Herr des Himmels, ich harre Deines Befehls!" . . . Indessen ist noch die Gemeinde Israels in ihren Wohnungen. Jeder greift hastig noch zum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.