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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 551 - 552

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Nietzsche und das Judentum
Date
1903-08-01
Page
Seite 551 - 552 (sequence 3)
Language
German
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551 Dr. phil. Augusta Steinberg: Nietzsche und das Judentum. 552 gesetztes Credo zu bekennen. Und doch war es nur die Verführung in ihrer raffiniertesten Gestalt zu eben jenen jüdischen Werten und umgekehrten Idealen, dieses magische Wort „Liebe". Denn in Wirklichkeit war es Judäa fremd; es entsprach nicht dem heroisch-epischen Charakter seiner Religion. Sein Wort war der Hass. Immer wieder kehrt bei Nietzsche dieser Gedanke vom Hass als einer wesentlichen Grundqualität des Judentums wieder. Sogar bei Spinoza, dem Philosophen, der nichts verlachte und nichts verabscheute, entdeckt er auf dem Grunde den brennenden, aber sublimen, weil schöpferischen Hass: „Dem Eins in Allem liebend zugewandt, Amore dei, selig aus Verstand Die Schuhe aus! welch dreimal heilig Land! — — Doch unter dieser Liebe frass Ein heimlich glimmender Rachebrand, Am Judengott frass Judenhass .... Einsiedler! Hab ich dich — erkannt?" Neben diesem gewaltigen Hass bewundert er den majestätischen Zorn, wie er in den. Gestalten der Propheten zu Fleisch und Blut wurde. Es liegt eine düstere "Schönheit über dieser asiatischen Leidenschaft, die alle Zorngewitter europäischer Zürner verdunkelt. Nach dem Bilde dieser zürnenden heiligen Männer schuf Israel sich einen Gott als einen erhaben Grollenden und Hochheiligen, gegen den jedes Verfehlen zur „Sünde" wurde. Den in seiner Mitte Thronenden umgab es als Hofstaat. Es dehnte die göttliche Machtfülle ins Unendliche aus und erhob sich mit in die Höhe. So fühlte sich das Volk, das der Römer Tacitus „zur Sklaverei geboren" erachtete, als auserwählte Nation, allein gewürdigt der Offenbarung des einzigen und ewigen Gottes und angefüllt mit tiefem Widerwillen gegen alle andern Völker, die Barbaren der Religion. Denn Israel allein besass „den grossen Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen". Es verlieh dem Leben, der Kultur von Jahrtausenden einen herben und finsteren Reiz, dem Nietzsche seine ästhetische Bewunderung nicht versagen kann. Mit Ehrfurcht staunt er die Menschen des alten Testamentes an, und die Heroen der Griechen und Jnder dünken ihm blass und klein neben diesen heldenhaften und hohen Gestalten. Neben dem Alten Testament, dem Buche eines riesenhaften Geschlechts, ist ihm das Neue ein Trost für niedere Seelen, für Schwache und Trostbedürftige. Die beiden Bücher zu einer „Bibel" zusammengebunden zu haben: „das ist vielleicht die grösste Verwegenheit und Sünde wider den Geist, welche das litterarische Europa auf dem Gewissen hat." Als „unerhörtes litterarisches Possenspiel" kommen ihm die Versuche christlicher Philologen vor, die sich bemühen, im Pentateuch Christi Lehren und Prophezeiungen seiner Ankunft zu finden. — Wenn Israel manchmal die Maske der Dekadenz vornimmt, so birgt sich nichtsdestoweniger die heisse Liebe zum Leben und zur Macht dahinter. Ein wundervolles Paradoxon. Gerade deshalb, weil es „das Sein um jeden Preis" dem Untergang vorzog, hat es jene leben verneinende, neue Wertungsweise geschaffen. Wie sehr das Leben — und nur das Leben — dem Juden erwünscht, der Tod aber verhasst war, geht daraus hervor, dass er wie der Grieche das Vorstellungsgebiet vom Jenseits und von Höllenstrafen nur schwach bebaut hat. War ihm doch der Tod der Strafe genug. Zu fern weitete sich über ihm der Himmel. Mit beiden Füssen wurzelte er innig in der mütterlichen Erde und als reichste Seligkeit schwebte ihm die Wiederkunft in diese einzige, wahre Heimat der Menschenkinder vor. Nicht wieder zum Leben aufzuerstehen, mit ihrem Leib und allen irdischen Attributen des Lebens, war ihre unheimlichste Furcht. — Es ist unzweifelhaft, dass manche der hier aufgebauten Gedanken gewagt, ja unhaltbar sind. Nietzsche sinkt hier herab zum Standpunkt des rationalen 18. Jahrhunderts, das an Staats Verträge und durch Priestertrug gemachte Religionen glaubte. Nirgends treten die Mängel der unhistorischen Denkart so stark zu Tage, wie da, wo er über Juden- und Christentum, über das, was Heine das Nazarenertum taufte, spricht. Wie seltsam erscheint uns heute die Vorstellung von einer Gesamtheit von Individuen, die sich aus Rachemotiven planmässig zur Gründung einer neuen Moral entschliesst. Sind wir doch tief überzeugt von dem allmählichen Werden und Wachsen einer jeden geschichtlichen Tatsache. So wuchs auch das Religionssystem der Juden aus zahllosen natürlichen Strömungen im Lauf der Zeiten hervor und war nicht eines schönes Tages durch den einmaligen schöpferischen Akt eines Volkes da. Der dumpfe Mahnruf vor der „Sünde" erscholl schon mitten in den rauschenden Orgien der Babylonier. Wenn der Philosoph sich dann dem Judentum der Gegenwart zuwendet, so findet er in ihm die intensive Daseinsfreude wieder. Dieser Quell des Lebensmutes ist nie versiegt: er hat auch die

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