Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Ch. N. Bialik
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 545 - 546 (sequence 3)
- Language
- German
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545 J. L. Boruchowitsph: Ch. N Biaiik 546 Schriften befolgen, statt des schattenhaften, leblosen Predigtjudentums, das jeglichen Gehalts bar ist, muss eine lebendige, tatkräftige Judenheit geschaffen werden, die sich nicht als religiöse Sekte, sondern als Volk fühlt und als solches einen Platz unter allen Völkern der Erde einnimmt. — Welche Gefühle den Ghettodichter im Schosse der blühenden Natur beschleichen, wird uns in einem prächtigen Gedichte: „Im Felde" geschildert. Eingeschlossen in einer hohen Mauer von Halmen, wandert der Dichter traurig seinen einsamen Pfad. Ueber seinem Haupte blinkt der klare Himmel. Durchsichtige Silberwölkchen schweben da und dort im blauen Räume und werfen dünne Schatten auf die goldnen Aehren. Ein leises Lüftchen bewegt die zwischen Licht und Schatten schlummernden Halme. Plötzlich bläst ein Windstoss und rüttelt das grüne Meer auf. Die goldnen Halme geraten in Bewegung und wälzen sich wellenartig mit einem lieblichen Säuseln vom Hügel zum Tal und vom Tale zur Ebene. „Was rauscht ihr, goldne Halme? Was sprüht ihr Lichtfunken auf die über euch dahinfliegenden Vögel? Flüchtet ihr euch dahin, wo die Wolken jagen, wo der Tag erlischt und die Schatten sich senken? Eilt ihr dahin, wohin die leicht beflügelten Träume unsere Seele forttragen?" Aber der lose Wind entflieht und das wogende grüne Meer wird ruhig. Da erwacht ein anderer, mächtiger Sturm im Herzen des Dichters und entflammt verglommene Funken und erloschene Brände. Der Anblick des lachenden, blühenden Getreides hat ihn erinnert, dass er ein armer, elender Bettler ist. Nicht seine Hände haben diese Halme gepflegt, nicht seine Kraft wurde an sie verwendet und nicht er wird sie einheimsen. Nicht e r hat ihre schwarzen Erdschollen mit Schweiss befeuchtet, nicht auf sein Gebet spendete ihnen der Himmel den Regen und nicht seine Lieder werden bei ihrer Ernte erklingen. Und doch sind die blühenden Felder ihm so lieb und wert, seitdem sie ihn erinnern an seine Brüder, die im fernen Vaterlande arbeiten und die vielleicht zur selben Zeit auf Bergen und Hügeln singen und seinen Gruss, den er ihnen sendet, beantworten. Also deswegen nur sind ihm die blühenden Felder lieb. Es erinnert fast an. den bekannten, drakonischen, talmudischen Ausspruch: „Wer auf dem Wege wandert und seinen Sinn auf Tand richtet und spricht: wie schön ist dieses Feld! wie schön ist dieser Baum! — hat sein Leben verwirkt." Es ist unnatürlich, so unnatürlich wie das dumpfe, starre Ghettoleben selbst. . . Die Starrheit und Unempfindbarkeit dieses Lebens aber wird von unserem Dichter selber aufs tiefste empfunden und fast mit prophetischer Wucht gegeisselt. „Ja, Gras ist das Volk!" klagt der Dichter, sich an die Worte des Propheten Jesajas lehnend. „Ja, Gras ist das Volk und gleich einem Baume verdorrt! Ja, eine Leiche ist das Volk, eine ungeheuere, unendliche Leiche! Denn es donnert die Stimme Gottes von allen Orten und nicht erwachte, nicht erbebte, nicht erzitterte das Volk. Nicht zuckte vor Freude das Herz des Volkes als seine Kinder zu ihm zurückkehrten, die auf die Stimme Gottes herbeigeeilt sind. Und nicht hat es seine Hand entgegengestreckt, und nicht hat es Willkommen geheissen all diejenigen, die seinen Namen mit Treue und Hingebung anriefen. Im Lärm des rohen Gesindels, das um das goldne Kalb tanzte, verhallte Gottes Stimme, verklang sein mächtiger Donner und sein Wort wurde verschmäht und ausgelacht." „Ja, wrelk ist das Volk und faul vom Scheitel bis zur Sohle! Es hat in den Tagen des Unglücks keinen Mann hervorgebracht, in dessen Brust ein Herz pocht und in dessen Herzen ein Funken glüht, der das Blut in Wallung bringt und in dessen Haupte ein Licht strahlt, das den Weg des Volkes erhellen konnte; dem der Name des gesamten Volkes teurer als all die goldnen, falschen Idole ist; bei dem ein wenig Traum, viel Wahrheit und Mut, ein starker Hass gegen ein Leben in Knechtschaft und Schmach, ein unendliches Erbarmen, so unendlich wie das Elend des Volkes selbst — all dies wie das Meer bei ihm im Herzen brause, all dies wie Feuerglut flamme und das Blut entzünde, all dies Tag und Nacht, wie ein Echo in ihm töne: Auf! arbeite! wirke! Denn Gottes Hand leistet uns Hilfe!" Ja, verloren ist ein Volk, das Schande und Erniederung liebt! Tausendjähriges Wandern, unerträglicher Goluth haben das Herz dieses Volkes abgestumpft und seinen Sinn verwirrt. An Peitschenhiebe gewöhnt, kann es ausser Körperschmerz noch die Schmach einer geknechteten Seele empfinden? oder kann es eine andere Sorge als für das Heute haben? Kann seine Seele von einer Zukunft träumen und nach Licht streben? Nicht erwacht es, wenn es nicht durch die Peitsche aufgerüttelt wird, nicht stehet es auf, es sei denn, dass das Elend es erhebt. Ein welkes, vom Baume gefallenes Blatt, eine verdorrte Blume, kann sie der Tau beleben? Und erschallt die Posaune und wird die Fahne gehisst, erwacht dann der Tote? erbebt dann der Tote?" . . . Denselben Hass, denselben verachtenden Groll gegen Sklavenseelen, die ihre Schmach und Erniederung liebgewonnen, atmet auch ein anderes schönes Gedicht: „Die letzten Toten in der Wüste." Dieses ist ein Aufruf des Josua, der das neue, in der freien, grenzenlosen Wüste aufgewachsene Geschlecht auffordert, ihm in die neue Heimat zu folgen. „Es sei uns nicht bang der zurückgebliebenen Sklavenleichen", heisst es darin. Lasst sie verwesen in ihrer Schmach auf ihren Bündeln, die sie aus Aegypten mitgeschleppt haben! Lasst sie träumen von Knoblauch, Zwiebeln und Fleischtöpfen! Noch heute oder morgen teilt der Wind mit dem Geier die Leiche des letzten Sklaven, und zum erstenmale wrird freudig die Sonne mit ihrem strahlenden Blicke einem mächtigen Geschlechte entgegenlachen, und jauchzend wird auch dieses Geschlecht zum ersten Male die goldnen Sonnenstrahlen begrüssen!u