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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 543 - 544

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Ch. N. Bialik
Date
1903-08-01
Page
Seite 543 - 544 (sequence 2)
Language
German
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543 J. L Boruchowitsch: Ch. N. Bialik. 514 Und als er zum Frühstück das frischgebackene Brot isst, da dringt in ihn der Seufzer seiner Mutter. Diese grauen Kindheitseindrücke, dieses unsägliche Elend im Elternhause machten den Dichter besonders empfänglich für das nationale Elend, und wir hören von ihm die gewaltigsten Schmerzenstöne über die ewige jüdische Not, und finden in ihm den ausgesprochensten Verfechter der nationalen Wiedergeburt. Die Reihe der Gedichte, die der nationalen Bewegung gewidmet sind, wird eröffnet durch das Erstlingsgedicht „An den Vogel", welches zum erstenmal in dem, von dem bekannten Schriftsteller Rabinitzky herausgegebenen Sammelbuche „Hapordes" erschien und seiner Zeit die Aufmerksamkeit der Kritik auf den jungen Dichter lenkte. Der Dichter begrüsst den im Frühling zurückgekehrten Vogel und fragt ihn, ob er ihm einen Gruss vom teuern, fernen Lande Zion mitbringe. „Bringst du mir einen Gruss vom lieblichen Lande, von dessen Tälern und Hügeln? Hat sich Gott schon Zions erbarmt, oder ist es noch eine Stätte der Gräber? Sind die Täler und Hügel von Saron noch mit Balsamdüften gewürzt? Ist schon der greise, in Schlaf versunkene Libanon erwacht? Erzähl mir, mein Vögelchen, worüber dort die Bäume flüstern und was dir ihre geheimnisvoll rauschenden Aeste vertrauten? Verkündeten sie Trost, prophezeiten sie lichtere Tage? Und meine Brüder, die mit Tränen die Saat ausstreuten, haben sie mit Gesang die Ernte eingeheimst? Und ich, liebes Vögelchen, was soll ich dir erzählen? Nicht Lieder wirst du hier im kalten Lande hören, sondern Klagen und Jammer. Unermesslich sind die jetzigen Leiden, unermesslich, die unser noch warten. Schon sind alle Tränen versiegt, schon ist jegliche Frist verstrichen, aber mein Gram hat kein Ende---." Das ist das Frühlingslied des Ghettodichters. Das erwachende junge Leben, die in Farben und Töne aufgehende Natur rufen in ihm nur Schmerz und Verzweiflungsklage hervor. Die ersten Klänge seiner Leier sind nicht durch die üppige, berauschende Fülle des Werdens geweckt, sondern gelten einem alten, tausendjährigen Gram . . . Viel packender als dieses Erstlingsgedicht ist das folgende: „Nachtgedanken". Der Dichter weiss, dass sein Weinen über das alte, graue Elend, das schon tausendmal beklagt und beweint geworden, ebenso fruchtlos wie das Gekrächze der Eule in Ruinen ist; dass seine Tränen einer Wolke in der Wüste gleichen, ohnmächtig, die versteinerten Herzen zu erweichen. Einsam ertönt seine Klage, ergiesst sich sein Lied. Gott gab ihm einen Stab und hiess ihn wandern, um sich sein Recht, das er im Leben eingebüsst hat, zu suchen, um sich Luft zum Athmen zu verschaffen und Licht für die Augen zu stehlen. Und schon sind seine Kräfte vom Wandern erschöpft und noch nimmt der Weg kein Ende. Der leuchtende, glänzende Himmel, die funkelnde Sterne, die stillen, säuselnden Lüftchen, die mit den Friedensengeln über die Erde schweben und leise und küssend den Blumen im Felde göttliche Geheimnisse zuflüstern, der süsse, ruhige Schlaf — das alles ist nicht für ihn, den verachteten, zertretenen Wurm. Derselbe Schmerz, dieselbe Verzweiflungsklage kommt zum Ausdruck noch in einem andern Gedichte: „Ein kleiner Brief aus dem Exil an meinen Bruder in Zion". „Getreidefelder", so beginnt dieser Brief, den der Dichter an seinen Bruder, der den alten heimatlichen Boden bearbeitet, sendet, „Väterliches Erbe und Freiheit — giebt es auf Erden einen glücklicheren als Dich?" Ich, Dein Bruder, bin hier vor Kälte erstarrt. Ich wandere auf der Welt einem Hunde gleich, fortgejagt mit Stockhieben und genährt von Brosamen, verschmähet und vergessen von Gott und Menschen. Noch ist man sich nicht klar darüber, ob auch ich einen hungernden Magen habe, ob auch ich Mensch sei. Und Du, Glücklicher! hast ringsum Freie, genug Luft zum Atmen, genug Sonne und Schattenkühle. Nicht säest Du für Dornen, Deine Mühe ist nicht vergebens. Ich aber zerstreue meine Kraft fruchtlos. Gottes Fluch lastet auf meinem Boden, dass er mir nur Disteln hervorbringt. Mein ganzes Leben wandere ich unaufhörlich, ich kämpfe mit Schatten und baue auf Sand. Ein Abscheu bin ich meinen Feinden, mir selber zur Last. Einst liebte ich meine Leiden und empfing mit Freude meine Züchtigung. Ruhig streckte ich meinen Hals dem Messer entgegen. Jetzt aber habe ich meinen Jugendglauben eingebüsst. Ich verzweifle an Erbarmen und liebe nicht mehr meine Leiden, denn auch mein Gott hat das Recht des Armen verschmäht. Mein Wandern ist ziellos, ohne Heiligkeit. Verwehet ist der Gottesschatten, gewichen der heilige Geist. Mit alten Märchen habe ich einst mein Leiden beschwichtigt, mit Träumen wiegte ich meinen Gram in den Schlaf — jetzt aber kam ein Hauch und verscheuchte meine Dichtung und verwehte meinen Traum, und mein Herz wurde schaal und leer. „Neige Dein Haupt! Trage das Joch!" Wozu? Weswegen? Wem nützt mein Leiden? Wer findet Gefallen an meinem Opfer? 0, gebt mir Freiheit und ich werde meine Ruinen wieder aufrichten!" Dieses Gedicht kann als die ausgesprochenste Formulierung der nationalen Bewegung im höheren Sinne des Wortes betrachtet werden. Da nämlich der Glaube, der während des langen Goluth das einzige Band war, dass das jüdische Volk als ein eigenartiges Ganzes zusammenhielt, unter dem Einflüsse der modernen Kultur mehr und mehr abnimmt und bei den meisten emanzipierten Juden nur als lebloser Schein, als totes Predigtjudentum ein schattenhaftes Dasein fristet, so muss etwas Neues geschaffen werden, um das jüdische Volk vor völligem Untergange zu bewahren. Und dieses Neue ist die Regeneration des jüdischen Volkes selbst. Statt der verknöcherten, mumienhaften Ghettojudentums, das nur diejenigen als ihre Mitglieder anerkennt, die seine kleinlichsten Vor-

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