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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 547 - 548

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Ch. N. Bialik
Date
1903-08-01
Page
Seite 547 - 548 (sequence 4)
Language
German
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547 J. L. Boruchowitsch: Ch. N. Bialik. 548 Unter den zionistischen Gedichten verdient noch besonders hervorgehoben zu werden dasjenige, das dem ersten Zionisten-Kongress gewidmet ist. „Das Elend eures Volkes", sagt der Dichter, sich an die Kongressmitglieder wendend, „hat euch aus allen Enden des Exils herbeigeführt, und da entstand die grossartige Erscheinung und da brach hervor aus der echten Quelle die grosse, süsse, klare und glühende Träne, nach der wir uns so lange gesehnt haben. Einer Perle gleich wird diese euere heilige Träne in unserer seufzervollen Geschichte aufbewahrt werden. Die den Bau vollenden, werden sich derer erinnern, die den ersten Grundstein gelegt haben." Das Leitmotiv der Bialikschen zionistischen Leier ist, wie wir sehen, das grause Elend des Ghetto, die Heimatlosigkeit, die Entbehrung der Menschenrechte oder, wie er sich ausdrückt, des Rechtes, „Luft zu atmen und sich am Sonnenlichte zu weiden." (Schluss folgt.) NIETZSCHE UND DAS JUDENTUM. Von Dr. phil. Augusta Steinberg, Zürich. In alle seine Bücher hat Nietzsche Gedanken über Juden und Judentum verstreut. Wenn wir auch manchen Ausführungen, besonders den historischen, nicht zustimmen können, so ist es doch reizvoll, uns das Gesamtbild des Judentums einmal so vor Augen zu bringen, wie er es sah. Das sei vorausgeschickt: der Philosoph, der mit dem Hammer philosophierte, hat in den Jahren eines wildwuchernden Antisemitismus sein Gefühl sich nicht verwirren lassen. Er schätzt im jüdischen Altertum eine der bedeutungsvollsten geistigen Mächte, die je die Welt beherrscht haben, und sieht die Zukunft des Judentums, dank dieser hohen Geistigkeit, grösser, glänzender noch als die Vergangenheit. Mit den Juden beginnt der Sklavenaufstand in der Moral. Vor dem zurücksehenden Auge des Denkers vollzieht sich ein seltsames, gewaltiges Schauspiel. Er sieht ein kleines Volk im Orient von Feinden umdrängt. Aus dem Hass gegen die Unterdrücker quillt der glühende Wunsch nach Rache auf, der Plan einer unheimlichen, grossartigen Rache, so fein, wie ihn nur eine Nation von Priestern— „die ganz grossen Hasser in der Weltgeschichte sind immer Priester gewesen, auch die geistreichsten Hasser" — fassen konnte. Die kriegerische Kraft der Feinde hatte triumphiert. Sie hatten im Bewusstsein des Sieges mit der Macht auch das Recht innezuhaben vermeint. Als sie näher zusahen — da war ihnen unversehens unter den Händen das Gold zu Blei geworden: Sie, die sich für die Tapfersten, Mächtigsten und infolgedessen für die Besten und Vornehmsten gehalten hatten, fanden sich plötzlich als die Gewalttätigen, die Grausamen, die Bösen und Gottlosen. Wie war das gekommen? Wie hatte sich das Unfassliche vollzogen? Die Juden hatten sich gerächt; sie hatten „ein Wunderstück von Umkehrung der Werte" zustande gebracht. Der bisherigen aristokratischen Wertungsweise der alten Welt setzten sie eine neue demokratische entgegen. Von jetzt ab galt: „Die Elenden sind allein die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten, die Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hässlichen sind auch die einzig Frommen, die" einzig Gottseligen, für sie aliein gibt es Seligkeit, — dagegen ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, die Unersättlichen, die Gottlosen, ihr werdet auch ewig die Unseligen, Verfluchten und Verdammten sein". Damals auch umspannen die Propheten das Wort „Welt" mit seinem gefährlichen, bösen Zauber. Sie schufen ihm einen neuen Sinn dadurch, dass sie Reichtum, Gottlosigkeit, Gewalttätigkeit und Sinnlichkeit einander gleichsetzten. So hat Judäa eine Begriffsumwandlung, eine Begriffsverwirrung in die Welt gebracht, die in alle Verhältnisse gedrungen, ist. Er hat die ursprünglichen psychologischen, moralischen und gerichtlichen Grundwerte gefälscht. Mit diesen neuen Gesetzestafeln warf es sich der aristokratischen griechisch-römischen Welt entgegen und besiegte sie, um seine Herrschaft zu begründen, die ihm erst wieder die Renaissance und zuletzt eine Erscheinung wie Napoleon Bonaparte streitig machten. Freilich standen, diese Antipoden nicht mehr dem Judentum als solchem gegenüber. Aus der Religion der sublimsten Rache war inzwischen ein Glauben der Liebe hervorgewachsen — ihr Gegensatz scheinbar — in Wahrheit die geradlinige Konsequenz „einerweitsichtigen,unterirdischen, langsam-greifenden und vorausrechnenden Rache". Was Israel als Abtrünniges ans Kreuz schlug, war ein Lockmittel für die gehasste „Welt". Diese glaubte, im Christentum ein wesentlich entgegen-

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