Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Ch. N. Bialik
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 541 - 542 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583913-2587538--03163-2587608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
541 542 CH, N. BIALIK. Eine literarische Studie. Von J. L. Boruchowitsch, Bern In der Person des Ch. N. Bialik besitzt die neuhebräische Litteratur einen Dichter ersten Ranges, auf den jede Litteratur stolz sein könnte. Die urwüchsige Kraft des Ausdruckes, der wunderbare, fast erdrückende Reichtum der Sprache, der Schwung der Phantasie und vor allem die Glut des Gefühls — das alles sind Eigenschaften, die ihm einen Platz unter den besten Dichtern unserer Gegenwart einräumen. Dank dem Verlage „Tuschia", der vor kurzem eine Sammlung seiner Gedichte herausgab,*) sind wir imstande, einen Ueberblick über seine zehnjährige dichterische Tätigkeit zu werfen, und da können wir nicht genug die gewaltige Entwicklung bewundern, die der junge Dichter während dieses Zeitiaumes durchgemacht hat. Mit grossartigen, plastischen Zügen schildert uns Bialik die Geschichte seiner ersten poetischen Regung, seines sozusagen dichterischen Empfängnisses. Sein trauriges, meist grell tönendes Lied hat er abgelauscht einem in seinem Vaterhause weilenden, bescheidenen,zurückgezogenen,in finsteren Ritzen hausenden Sänger — dem Heimchen, „dem Sänger der Armut". Am Freitag Abend bot das Vaterhaus ein trauriges Bild. „Der Tisch entbehrte des Weines für „Kidusch" und des Weissbrotes. In Lehmkügelchen rauchten einige dürre Talglichter und warfen zitternde Schatten an die Wände. Am Tische sassen sieben hungrige, schläfrige Kinder. Düster lauschte die Mutter ihrem Willkommengebet an die Engel. Elend und niedergeschlagen, wie schuldbewusst, zerschnitt der Vater mit einem stumpfen Messer das schwarze Brot und den Hering . . . Kauend an dem faden, sauern Brote, das wir mit Tränen herunterschluckten, stimmten wrir mit dem Vater die Sabbatweisen an und sangen aus leerem Magen und Herzen ... Da schloss sich auch das Heimchen dem Chore an und zirpte seinen Singsang aus „seiner finstern Ritze". „An regnerischen Winternächten da herrschte im Vaterhause eine unheimliche, düstere Stille und dessen niedriger Raum schien in einen schweigsamen, grausen Traum versunken zu sein. Es war dies der Druck der Not, die Stille der hässlichen Armut. Sieben Seelen Hessen schmachtende Blicke streifen . . . Oede. Zurückgehaltene Tränen. Auf dem Kamine jammerte die Katze. Im Korbe kein Krümchen Brot, keine Kohle fürs Feuer. — — Da trat das Heimchen aus der Wandritze hervor und leierte sein trockenes, leeres Lied, das mein Herz zernagte und meine Seele verwüstete. Sein Lied klang weder fluchend noch stöhnend oder weinerlich, sondern öde, öde wie der Tod, wie das o"Din .■»ltsnN'n ..TKnn nann n-w -p^xn o n #i I. sinnlose Leben und traurig, unendlich, grenzenlos traurig." Aehnlich ist der Ursprung des Dichters Seufzer. Der Vater starb und die arme, schwache Mutter übernahm die Fürsorge für den Unterhalt ihrer sieben Waisen. Den ganzen Tag schlenderte sie in der Stadt herum, um etwas zu verdienen. Jeder Groschen, den sie abends nach Hause bringt, ist mit Blut und Galle getränkt. Bis spät in die Nacht sitzt sie vor dem flimmernden Lämpchen und flickt und strickt. Mit Morgengrauen schon steht sie auf, um für die Kinder das Brot zum Frühstück zu backen. Und da sieht der Knabe aus seiner finstern Ecke, wie ihre dürren, ausgemergelten Hände den Teig kneten, und er hört, wie bei jeder Handbewegung sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust entringt. Sie flehet Gott um Beistand, da sie doch nur ein „armes, elendes Weib ist". Und sein Herz ahnt, dass während dessen eine glühende Träne von ihrer Wange herabrollt und in den Teig fällt. L. Horowitz: Gräfin von der Groeben, Berlin.