Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 537 - 538

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Ghetto
Date
1903-08-01
Page
Seite 537 - 538 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583913-2587535--03156-2587606
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

537 Mathias Acher: „Ghetto". 538 sei natürlich dankbarer, seinen Geist schön nach der Masse zu richten, als sich der Masse entgegenzustellen und ihr ihre versteinerten Ideale zu zerreiben. Aber ich glaube, dass jede derartige Prophetentätigkeit zwei grosse Voraussetzungen hat: Die Liebe und das Erkennen, die nicht bloss das Schlechte, sondern auch das Gute, nicht bloss die Auswüchse und Rudimente, sondern auch die jungen Keime sehen. Wenn jemand verkündet „Unser ganzes Volk ist entartet" — warum nicht, wenn er dieses ganze Volk kennt und wenn er dieses ganze Volk mit seiner ganzen Seele liebt? Aber leider lässt Heijermans beides vermissen. Mit Mühe und Not ringt er sich einige schöne, stolze Züge für Sachel ab. Auch kann er nicht umhin, im Widerspruche mit sich selbst, einigemal hören zu lassen, dass die Christen eigentlich nicht besser sind, als die Juden. Aber was will dies alles gegen die furchtbar gleichmässige Kruste von Ghetto- Erbärmlichkeit bedeuten, die auf allen den nicht zur Wahrheitshöhe Rafael's heranragenden Judenmenschen lagert, und dagegen, dass der einzige Christenmensch des Stückes, Rose, als der einzig sympathische gezeichnet ist oder besser gezeichnet sein will. Diese ungleiche Verteilung von Licht und Schatten wäre aber nicht möglich, wenn in dem Dichter eine grosse Liebe zu seinem, zu „unserem Volke" Rafaels und ein tieferes Erkennen dieses Volkes wohnte. „Unser Volk" — auch so ein Widerspruch! Was kann er von „unserem Volke" wissen, er, der seinen Rafael die ältesten, abgestandensten Phrasen von kein Jude und kein Christ mehr sein und ähnliches in den Mund legt. Als ob dieses kein Jude und kein Christ mehr sein etwas mit dem L. Horowitz: Portrait der Frau Mendelssohn, Berlin. Problem der Judenfrage oder der Regenerierung des jüdischen Volkes zu tun hätte. Es ist doch wirklich merkwürdig, wie Heijermans jetzt nach Jahrzehnten nicht um Haaresbreite über Gutzkow hinausgekommen ist. Man müsste es denn als Fortschritt betrachten, dass er nur widerliche Juden zeichnet und für eine leuchtende christliche Folie sorgt, für die Gutzkow noch nicht gesorgt hat. Rafael spricht im Dispute mit dem Rabbi vom Ghetto. Der Rabbi verwahrt sich gegen den Ausdruck, indem er in seinem bourgeoisen Rabbiner- Liberalismus auf die Gleichberechtigung hinweist. Rafael fertigt ihn mit den Worten ab: „Ghetto? Die Tore sind niedergelegt, die Mauern sind geschleift — die Gräben aber sind geblieben, — die Gräben unseres und ihres Hasses." Der Rabbi antwortet: „Ihr Hass! Sie haben uns verfolgt zu allen Zeiten. Wir nicht." Nun lässt Rafael eine leidenschaftliche Tirade los, in der er die Grösse „unseres Hasses" beweisen will. Da drin heisst es u. A.: „Sie haben uns dieGhetto's geöffnet — wir aber sind doch bei einander geblieben.1' Ei, ei! „Sie haben uns die Ghetto's geöffnet." Aber die Ghetto's sind doch wohl nach Heijermans nicht so streng örtlich zu nehmen, möchte ich meinen. Es wird also wohl nur ein sehr zweifelhaftes „Oeffnen" gewesen sein. Er hat es ja eben selbst gesagt: „Die Tore sind niedergelegt, die Mauern sind geschleift — die Gräben aber sind geblieben — die Gräben unseres und ihres Hasses." Wohl stellt er „unseres" vor „ihres." Aber er wird erlauben, dass ich die Wortfolge chronologisch und logisch richtigstelle, dass ich dafür sage „ihres und unseres Hasses." Und dass ich dem Rabbi Haezer, der sonst ein liberalisierender Schwachkopf und mit dem Feuergeiste Rafaels

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.