Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Ghetto
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 539 - 540 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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539 Mathias Acher: „Ghetto". 540 gewiss nicht gleichzustellen ist, in dieser einen Sache einen schärferen psychologischen Blick zubillige als dem jungen Rafael. Tatsache, unleugbare Tatsache ist es, dass „unser" Hass an den „ihrigen" nicht heranreicht. Ein Jude, der anscheinend soviel im Ghetto verkehrt hat, der sollte es heraushaben, wie verhältnismässig harmlos der jüdische Hass ist. Für einen solchen Juden bedarf es gerade nicht eines besonderen psychologischen Genies, damit er das Wesen dieses „Hasses," der übrigens bloss durch „Sich auserkoren fühlen" und „sie als Fremde betrachten" charakterisiert wird, ergründe. Dieser ganze Hass lebt nur von der lieben, leeren Gewohnheit und dem schwachen Bedürfnis nach etwas Wiedervergeltung. Er möchte daher auch lieber heute als morgen ganz abdanken, wenn sich so etwas in Tagen oder Jahren machen Hesse, — namentlich von Durchschnittsmenschen — und wenn nur „sie" uns etwas mehr entgegen kämen. Sie werden's einmal tun. Gewiss! Ich glaube daran, weil ich an den Sieg der grossen Geister über den grossen Haufen glaube, weil ich die reellen Voraussetzungen für eine grosse, freie Völkerzukunft nahen sehe. Aber vorläufig tun sie's noch nicht, ganz und gar nicht. Selbst dass wir nunmehr schon bei ihnen essen, Freitagabend das Feuer berühren, die Lampe anstecken, einen Brief aufmachen und dazu kein Christenmädchen mehr im Hause haben — lauter belanglos gewordene Beschwerde punkte Rafaels — hat sie nicht besänftigt. Auch der hässliche Vorwurf Rafaels „Ihre Frauen haben wir . . . haben wir bezahlt, — die unseren geheiratet!" gilt von ihnen und unseren Frauen im selben Massstabe. Wo er aber nicht gilt, d. h. wo sie unsere Frauen weder bezahlen noch heiraten, wird dies wohl mehr ihrer unüberwundenen Rassenabneigung, als ihrer Gewissenhaftigkeit zuzuschreiben sein. Nein, Rafael hat keinRecht, von „unsereinVolke" zu sprechen. Ihm und seinen Veilletäten gegenüber erhalten leider Worte, die sonst nur der Ausfluss beschränktester, philiströsester Angst vor dem Antisemitismus sind, einen Wahrheitssinn, den sie nicht verdienen. Ich meine die Worte der Schwester Sacheis: „Er red't wie 'n Rischesmacher — den grössten Risches machen heutzutage die Juden selber." Und doch kann die Schuld an diesem Ghettobilde nicht ganz allein an Heijermans liegen. Der Rafael, den er zeichnet, und der offenbar wenigstens für die Judenfrage er selbst ist, ist eine der bestgezeichneten Figuren des Stückes. An Rafaels Ghettobilde muss wohl die Art des Ghetto's, in dem er aufgezogen ist, mitschuldig sein. Es muss etwas in der Atmosphäre dieses Ghetto's liegen, was junge, wahrheitsgKihende Menschen zur Verzweiflung, zum Hasse gegen ihr eigenes Volk, zu temperamentvollen aber inhaltsleeren Expectorationen treibt, die sie für Ausflüsse höchster Weisheit halten. Ja, das sind jene Ghetti, wie ich eben eines in Prag sah, wie sie teilweise noch in Wien und anderen Städten des Westens bestehen — jene Versteinerungen mittelalterlichen jüdischen Volkstums, durch die nur noch ein fadendünnes, versumpftes Wässerchen des alten jüdischen Lebensstromes sickert — ohne innere Beziehungen zur Vergangenheit und zur Gegenwart, geschweige zur Zukunft. Das sind jene Massenherbergen von Leuten, die die Emancipation verschlafen heben und nun wie Fledermäuse im Tageslicht herumflattern. Da muss natürlich so ein gärender Wahrheitsmensch wie Heijermans- Rafael, der unter die Fledermäuse gerät, wild werden. In seiner Wut und in der wenigstens in Judendingen von ihnen auf ihm übertragenen Enge des Gesichtskreises sieht er keine anderen Juden, als sie. Er hat keinen Blick für die Menge der Westler ausserhalb der paar Ghetti, für diese Leute, deren seelisches Ghetto ganz, ganz anderer Art ist, als sich's unser Dichter träumen lässt, die mit hoher Civilisation aber ohne Eigenkultur dastehen, für diese Bourgeois mit sozialistischen Anwandlungen, diese Sozialisten mit Bourgeois- Instinkten, für diese Philister mit Bohemiens Zügen, diese Bohemiens mit Spiessbürgergemüt, für diese Väter von ähnlichen Feuerköpfen, wie er einer ist. Und er hat erst recht keinen Blick für die sogenannten Ghetti des Ostens, die so unendlich verschieden von seinem Ghetto sind, für diese grossen Geburtsstätten eines neuen Volkes mit altem Namen, für die gewaltigen Triebkräfte, die da arbeiten und auf Arbeit harren, für die Millionen, die sich da ohne seinen, seinesgleichen und anderen Rat, kraft ihres eigenen kulturellen Schwergewichts allmählich aber sicher aus Vergangenheitsfesseln losmachen und fast ohne Gegenwart ihrer, ihres Volkes, seiner, der Menschheitszukunft entgegeneilen. Nichts von all diesem grossen, wirklichen Werden sieht er in seiner leider auch echt jüdischen - doktrinären Ueberweisheit. Nichts, als die paar harmlosen Fledermäuse, deren Zahl von Tag zu Tag zusammenschrumpft und die nur noch von der Zeit und der Demolierungshacke Gnaden leben. Und damit wagt er sich künstlerisch an das jüdische Problem heran!