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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 535 - 536

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Ghetto
Date
1903-08-01
Page
Seite 535 - 536 (sequence 2)
Language
German
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535 Mathias Acher: „Ghetto". 536 des Friedhofes, den man auflassen musste — verwickelte Tefillinriemen. Die Sonne scheint heiss herab. Das Leben sprüht aus ihren Strahlen. Das Leben begräbt die Vergangenheit. Es lebe das Leben! .... Der Zufall wollte es, dass ich, von meinem Ausflug ins Prager Judenghetto heimgekehrt, das neue Stück von Hermann Heijermans jr. „Ghetto" in die Hände bekam und las. Ich habe die Oertlichkeit und das Milieu dieses Ghetto nie gesehen. Aber ich erkannte sie doch wieder, — nach gewissen Wiener Eindrücken, und nun vollends, nachdem ich in Prag gewesen bin. Und noch Eines ging mir jetzt mit einer alle Zweifel ausschliessenden Deutlichkeit auf: Wie ganz anders auf solche Ghetti blickt, wer innerhalb, des lebenden Judentums steht! Die Weltanschauung hat dabei nichts zu sagen. Ich glaube so ziemlich in der gleichen Schlachtlinie zu kämpfen, wie Heijermans. Wenn ich höre, wie er Rafael, den Helden seines „Ghetto", ausrufen lässt: „Denn der wahre Gott muss noch kommen, der Gott der neuen Gemeinschaft, der Gemeinschaft ohne Götter, ohne Schlechtigkeit, ohne Sklaven! . . . ." oder: „Wer da gut horcht, der hört das volle Brausen des Volkes, das emporsteigt, der sieht die Fahnen wehen, die Augen flammen, der fühlt die Luft erzittern . . . ." — dann erinnere ich mich unwillkürlich .auch an seine „Hoffnung auf Segen" und fühle mich eins mit ihm, mit seinen heissesten Wallungen und tiefsten Wünschen. Und doch kann ich kaum ein Lächeln des Mitleids unterdrücken, wenn ich sehe, wie Verständnis- und kenntnislos er dem jüdischen Problem gegenübersteht, ja, wie dieses in seiner Ungelöstheit ihm die sonst so straffen, ja allzu straffen, allzu geraden Linien seiner Ueberzeugung verwischt. Rafael ist ein junger, hochgemuter Jude, dem es im Ghetto enge geworden ist Der ausgesprochene Geschäftssinn der Leute, ihre Abschliessung von der übrigen Welt sind ihm verhasst. Er verachtet seine eigenen Verwandten, auch seinen eigenen blinden Vater. Ihn, den alten Sachel, liebte er früher wTegen seines Gebrechens, das er so tapfer und willensstark ertrug. Aber seit er ihn darauf ertappte, wie er, das Vertrauen der Geschäftsfreunde zu seinen blinden Augen ausnützend, im Gewichte betrog, — seitdem ist es auch mit dieser Liebe aus. Er geht nun im Stillen seine eigenen Wege, die Wege des „neuen Lebens". Auf ihnen findet er Rose, als „einen Teil des neuen Lebens". Rose ist ein christliches Dienstmädchen im Hause seines Vaters. Nun leidet es ihn nicht länger daheim. Er will fort und sagt dies seinen Leuten. Diese setzen dem Plane Widerstand entgegen. Die Schwester des Vaters, Esther, will ihn verheiraten — ihr genügt Aarons Rebekka mit 3000 Gulden. Der alte Sachel, der lieber 5000 möchte, ruft den Rabbi Haezer, den alten Lehrer Rafaels, zu Hilfe. Es entspinnt sich eine Diskussion mit süsslichweisen Redensarten auf der einen, mit leidenschaftlichen Anklagen auf der anderen Seite. Zum Sehluss, als Alles , nichts nützt, kommt der blinde Sachel mit seinem Verdachte hervor. Er hat mit seinem geschärften Gehör, mit seiner intensiven Aufmerksamkeit das Verhältnis zwischen Rafael und Rose erraten. Nun kommt es zu Auseinandersetzungen mit Rose. Esther und Aaron reden auf sie ein, tragen ihr Geld an, wie sie sagen, im Auftrage Rafaels, der nun doch nichts von ihr wissen wolle. Rose wendet sich verzweifelt an Sachel. Von ihm will sie die Wahrheit wissen, sie vertraut seiner Blindheit. Und Sachel, der jetzt erst durch sie von den Machenschaften Esthers und Aarons erfährt, setzt nur schwer die Lüge fort. Auf ihn hat der Sohn ersichtlichen Eindruck gemacht. Aber der Eigennutz, das Ghetto behalten die Oberhand. Nun stürzt sich Rose ins Wasser. Aengstlich horcht er, widerruft. Es ist zu spät. Er ist blind und kann nichts zu ihrer Rettung tun. Man fischt sie heraus. Rafael kommt. Schmerz, Verzweiflung, Wut erfassen ihn. Und er verlässt die Gasse, indem er „exstatisch" ausruft: „O ja, ich habe Pflichten, grosse Pflichten, — Pflichten, die mir der Gott auferlegt, den ihr nicht kennt und den die Christen nicht kennen, — Pflichten, grosse Pflichten." Es ist hier nicht meine Aufgabe, über den dramatischen Wert des „Ghetto" zu sprechen. Dass die Milieuzeichnung eine ganz vorzügliche ist, habe ich schon angedeutet. Man kann auch nicht sagen, dass es dem Stücke an Handlung fehlt, weder an äusserer noch innerer, seelischer. Auch die Individualpsychologie ist fein. Aber auch das volkspsychologische Können des Dichters und seine bewusste Tendenz wollen gewertet sein. Auch die Tendenz! Denn dass ihm eine solche vorschwebt, wird er selbst nicht leugnen wollen. In meiner jüngst erschienenen Schrift über Achad Haam habe ich diesen als Ausnahme-Erscheinung gefeiert, weil er weniger gegen den „äusseren Feind" als gegen das „eigene Lager" kämpft. Ich habe dabei hervorgehoben, das die Propheten aller Völker es nicht anders taten und tun. Es

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