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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 531 - 532

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Jüdische Wirtschaftsgeschichte
Date
1903-08-01
Page
Seite 531 - 532 (sequence 3)
Language
German
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531 Lazar Felix Pinkus: Jüdische Wirtschaftsgeschichte. &32 die wir soziales Geschehen zurückführen wollen" nur „die Motivation lebendiger Menschen" gelten lässt. In dem Augenblick, wo man sich damit begnügt, und auch Roscher wird dieser durchaus spiritualistischen Ansicht, die ja an sich keine neue Theorie ist, gehuldigt haben, können wir freilich den zähen Willen der Juden für alle Missgeschicke unseres Volkes verantwortlich machen. Wir, die wir jedoch diesen Willen für bedingt und begrenzt durch die ökonomischen Voraussetzungen halten, also auf dem Boden einer materialistischen Geschichtsauffassung stehen, suchen nach den materiellen Momenten die diesen Willen, ausgebildet haben. In dem Augenblick aber, wo wir uns mit Worten wie „zäher Wille", Handelsgeist, Schacheigeist u. s. w. nicht mehr begnügen, müssen wir zu jener Methode schreiten, die allein imstande ist, das Problem zu lösen, zur wirtschaftsgeschichtlichen Betrachtung der jüdischen Geschichte, eine Betrachtungsweise, die notwendig zur „Jüdischen Wirtschaftsgeschichte" führt. In den folgenden Zeilen soll in Kürze angegeben werden, was denn eigentlich den Kernpunkt der jüdischen Wirtschaftsgeschichte bildet. Es ist ja ohne Weiteres klar, dass dieser Kernpunkt identisch mit dem ist, was wir die abnorme Lage derJuden nennen. Denn die Wirtschaftsgeschichte hat in erster Linie doch den Zweck, Anhaltspunkte zu einer richtigen Erkenntnis der sozialen Schäden nicht nur des Wirtschaftslebens, sondern des öffentlichen Lebens überhaupt zu geben. Da sich die sozialen Schäden, deren Gesamtheit wir ganz gut als „soziale Frage" bezeichnen können, im jüdischen Volke in erster Linie in einer Ausnahmestellung äussern, so wird auch die „jüdische Wirtschaftsgeschichte" diese in erster Linie behandeln müssen. Die Aufdeckung der Ursachen der abnormen Lage des jüdischen Volkes wird gewissermassen die Grundlage der Wirtschaftsgeschichte sein müssen. In einer vor Kurzem erschienenen Schrift*) habe ich versucht, die Grundlagen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte von dem ebengenannten Gesichtspunkt aus zu fixieren. War es schon bei dieser Broschüre nicht möglich, mehr als die Disposition zu dem grösseren Werke zu geben, so *) Die Moderne Judenfrage. Von den Grundlagen der jüdischen Wirtschaftsgeschichte und des Zionismus. Wilhelm Koebner. Breslau 1903. werde ich auch hier bei der Knappheit des mir zur Verfügung stehenden Raumes nur auf Andeutungen beschränken müssen. Die gewöhnliche Annahme versetzt den Beginn der abnormen Lage der Juden in das Jahr 70, das Jahr der Zerstörung des Tempels. Das ist jedoch nicht richtig, denn abgesehen von den Aufständen in Palästina, war die Lage der Juden im römischen Weltreich eine günstige. Sie trieben Handel, beschäftigten sich mit Handwerken, kurz lebten genau so, wie die Völker, unter denen sie wohnten, ohne sich von ihnen durch anderes als durch religiöse Gebräuche zu unterscheiden. Sie hatten zum grössten Teil eigene Gerichtsbarkeit und wurden, wie uns römische Schriftsteller berichten, als cives romani anerkannt. Erst als das alte römische Weltreich mit seiner hohen wirtschaftlichen Kultur in den Stürmen der Völkerwanderung zusammenbrach, treten die Juden als scharf auch in ihren wirtschaftlichen Handlungen von den übrigen Völkern unterschiedene Wirtschaftsgruppen auf. Mit der Völkerwanderung erst beginnt die abnorme Lage der Juden. Da wir heute das Altertum nicht mehr als „Kindheitsperiode unserer modernen Kultur" ansehen, sondern als „abgeschlossene Kulturperiode für sich" so sehen wir die Gründe für die Aenderung in der Lage des jüdischen Volkes leicht ein. Das jüdische Volk war im Kulturkreis des Altertums gross geworden, es hatte seine verschiedenen Entwicklungsphasen in geistiger und wirtschaftlicher Hinsicht mit durchgemacht und war schliesslich ganz mit dem geldwirtschaftlichen System des Römerreichs verwachsen. Jetzt traten neue Völker, die noch nicht bis zur Geldwirtschaft fortgeschritten waren, auf den Schauplatz der Geschichte und zertrümmerten die alte Kultur. Die primitive Naturalwirtschaft trat an Stelle der für das Altertum mit seinen Verkehrsverhältnissen kapitalistisch zu nennenden Geldwirtschaft. Die Juden, die nicht nur ihre geistigen Kulturgüter, sondern «auch den ihnen durch die alte Wirtschaft herangezüchteten kapitalistischen, geldwirtschaftlichen Geist — der berühmte zähe Wille etc. —'aus dem allgemeinen Zusammenbruch gerettet hatten, mussten nun in der fremdartig gewordenen Umgebung fortwährend Anstoss erregen. Sie fielen schliesslich der allgemeinen Verachtung anheim, die sich noch steigerte, als die primitive Naturalwirtschaft in die kirchlich-feudale

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