Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Jüdische Wirtschaftsgeschichte
- Date
- 1903-08-01
- Page
- Seite 533 - 534 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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533 Lazar Felix Pinkus: Jüdische Wirtschaftsgeschichte. 534 überging, mit den Zins- und Wuchergesetzen des kanonischen Rechts. Diese Zeitepoche bildet den Kernpunkt der jüdischen Wirtschaftsgeschichte. Denn dieser aus dem Altertum herübergenommene Altkapitalismus zeitigt noch heute seine Wirkungen. Deshalb kann nur eine materialistische Betrachtung der jüdischen Geschichte zur Erkenntnis des Wesens der Judenfrage beitragen. Das heisst durchaus nicht die kulturell-geistigen Faktoren des Problems unberücksichtigt lassen. Aber vorerst handelt es sich darum, die Fundamente zu untersuchen, auf denen das kulturelle Leben des Judentums erwachsen ist. Nachdem wir so lange bei der Behandlung der Judenfrage in der überirdischen, ideologischen Sphäre des Geistes weilten, wollen wir herniedersteigen und Erdarbeiter werden. ,GHETTO. Von Mathias Acher (Wien.) Enge, schmutzige Gassen mit dunklen, uralten Häuschen. Die Hausflure wie Höhlenzugänge, schwarz und dumpfig, oft von einem massigen Weibe gehütet, dessen Kupplerbeschäftigung wir auch dann leicht erkennen würden, wenn die rote L. Horowitz: Portrait des Prof. Dr. Nothnagel. Laterne über dem Haustore sie uns nicht verriete. Geschäftsläden, an welchen das moderne Wirtschaftsleben spurlos vorübergegangen ist — elende Krämereien für ein armseliges Schacherer- und Bettelvolk. Da hocken, stehen, gehen, feilschen, lachen, zanken sie auch durcheinander — jüdische Trödler, tschechische Kleinbürger, Arbeiter und Dienstboten, Amtsdiener und Schutzleute. Ich möchte meine Augen verhüllen, meine Ohren und meine Nase verstopfen, um nicht sehen, hören, riechen zu müssen — in diesem sogenannten „fünften Viertel" von Prag, dem alten Judenghetto, das zugleich Prostitutionsquartier der Grossstadt ist..... Und plötzlich stehe ich vor der berühmten Altneusynagoge! Und weiss nichts anzufangen mit diesem uralten, verwitterten Gemäuer. Aber, sowie ich eingetreten bin!...... Ich schaue zu den spitzen Wölbungen empor, meine Blicke klammern sich an das hohe Eisengitter, von dem das Almemor umschlossen wird. Da nistet, eingebettet in reinste, edelste Gothik, die jüdische Geschichte des letzten Jahrtausends. Ich sehe kaum die paar Juden, die gerade Mincha beten, ich sehe nur die Vergangenheit, sie ist körperlich geworden. Und sie kommt über mich, übermächtig. Ich wehre mich. Vergebens! Ich weine. Heisse, dicke Tränentropfen rinnen mir die Wangen hinab. *.....Auf dem alten Friedhof weine ich nicht mehr. Mit stiller Empfindung stehe ich vor tausendjährigen Grabsteinen und vor den Grabmälern des hohen Rabbi Low und seiner Jünger. Dann sehe ich zu, wie die Gebeine aus einem jüngst aufgelassenen Teile des Friedhofes in ein Massengrab versenkt werden. In weissen Tüchern schleppt man sie herbei. Sie kollern übereinander, — Arm- und Beinknochen, Rippen, Wirbelsäulen, Schädel. Dazwischen — es ist der jüngste Teil