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Ost und West · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. Seite 519 - 520

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Leopold Horowitz
Date
1903-08-01
Page
Seite 519 - 520 (sequence 4)
Language
German
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519 B. Samuel: Leopold Horowitz 520 Tisches Leben pulvisierte und man den grossen Stil zu schätzen wusste, sondern hier fand Horowitz auch, namentlich unter der jüdischen Bevölkerung, eine unerschöpfliche Fülle von ursprünglichen Typen, ein volkstümliches Leben von altem und pittoreskem Charakter, dass den Künstler mächtig anziehen musste. Doch widmete er sich hier zunächst dem Herstellen von verschiedenen Damen- und Herrenporträts, deren Ertrag ihm den heissersehnten Aufenthalt in Paris ermöglichen sollte. Im Jahre 1863 konnte er bereits nach Paris übersiedeln, wo er in unermüdlicher Arbeit danach strebte, sich von den ihm noch anhaftenden Fesseln der schulmässigen Schablone zu befreien. Immer mehr lenkten seine im Salon ausgestellten Bilder die Aufmerksamkeit der Kenner auf sich. Drei Genrebilder aus der ersten Pariser Zeit seien besonders erwähnt: „Die unbewusste Kokette", ein kleines Mädchen im Hemde, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend, „Der gefahrlose Krieg", ein Bild von zauberhaftem Reiz; es stellt ein kleines, am Boden liegendes Mädchen dar, wrelches mit dem kleinsten Brüderchen unter Lachen und Scherzen einen Kampf um die Puppe führt (die Finger der rechten Hand des Mädchens sind etwas verzeichnet), ferner „Der Geiz", eine alte Frau, die im Golde wühlt, und endlich ein verschollenes Bild „Zigeunermädchen, Blumen pflückend". Aber als die gelungenste seiner Pariser Schöpfungen darf man das Kinderporträt des Fräulein Eggly bezeichnen, das ihm 1865 die mention honorable einbrachte und 8 Jahre später auf der Wiener Weltausstellung Aufsehen erregte. Doch die Warschauer Erinnerungen und Eindrücke Hessen Horowitz keine Ruhe, Er fasste den Plan zu einem grossen Gemälde „Der neunte Ab" — Juden in einer Synagoge, die Zerstörung des Tempels beklagend, — und begab sich 1869 nach Warschau, um Typen und Situation an Ort und Stelle zu studieren. Anderthalb Jahre währte sein zweiter Aufenthalt in Warschau. Wieder nach Paris zurückgekehrt, vollendete er das grosse Bild, welches 1873 in Wien zusammen mit dem Eggly-Porträt dem Künstler die Medaille für Kunst einbrachte und seinen Ruf begründete. „Der neunte Ab" ist die grösste und figurenreichste Komposition von Horowitz. Die Szenerie stellt das anspruchslose Innere einer kleinen Synagoge dar, am Nachmittag des Thischah beab, da die Juden vor Sonnenuntergang sich zum Gebet versammeln und einige von ihnen sich noch einmal zur Erde hinsetzen, um die Klagelieder zu recitieren, während andere in den Job oder Midrasch Echa „hineinblicken". Das Bild ist in den Hintergrund hinein komponiert und weist ein zweifaches kompositorisches Moment auf: den geistigen Ausdruck der Physiognomieen und das Spiel von Licht und Schatten. Die beiden Figuren links und rechts im Vordergrunde drücken in Haltung und Miene gelinde Versunkenheit, beziehungsweise Ermattung vom Fasten aus, und darüber hinaus steigert sich der Ausdruck zur lauten Klage und zum wehmütig vertieften Sinnen im Mittelgrunde; ""der Greis im Hintergrunde links greift,' aufgelöst in Schmerz, mit der rechten Hand nach der Stirn. Die Gruppe der stehenden Männerfigur mit den Kindern im Hintergrunde schliesst das Ganze harmonisch ab. Dazwischen hat sich ein halbwüchsiger Junge hingesetzt, . blickt mit wichtiger Miene in das Buch und ist stolz, wie ein Grosser an der Trauer seines Volkes teilzunehmen; rechts im Hintergründe sieht man, in Helldunkel getaucht, zwei Figuren, einen Greis mit edlem, erloschenem Gesicht und das feine Profil eines Jünglings. Der Künstler hat mit ausserordentlicher Geschicklichkeit sowohl durch Anordnung der Figuren als durch die Verteilung im Räume und die Haltung der Köpfe einem steifen Parallelismus aus dem Wege zu gehen gewusst. Die Physiognomien sind sorgfältig modelliert, besonders die Kindergesichter werden in geschickter Abstufung dem Beschauer sichtbar. Der Raum ist von jenem melancholischen, dämmerigen Helldunkel durchflutet, das ausgezeichnet zu der Stimmung des Augenblicks passt. Das Licht fällt von links oben herein und lässt die beiden Figuren rechts schärfer hervortreten; als Gegengewicht hierzu hat der Maler die lebhaftere Bewegung der Mittelfigur links angebracht, die aber durch die Breite etwas störend wirkt und keinen harmonischen Abschluss nach oben findet. Mit den hellbeleuchteten Händen dieser Figur korrespondieren die zwei matten Lichtflecke rechts oben auf ganz dunklem Hintergrunde. Das Bild befindet sich zu Warschau im Privatbesitz; ein Versuch, es für die Wiener Belvedere- Gallerie zu erwerben, scheiterte an dem Widerstande des Eigentümers. Im Jahre 1873 finden wir Horowitz abermals in Warschau. Von diesem Zeitpunkt an datieren seine grossen Erfolge als Bildnismaler. Die polnische Aristokratie, die eine so reiche Fülle von hervorragenden, für den Maler überaus anziehenden Charakterfiguren bot, Hess sich von ihm in grosser Anzahl porträtieren. Der Künstler, der bereits den

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