Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Die Septuaginta
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 493 - 494 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583912-2587416--03086-2587488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
493 Andreas Niemojewski: Die Septuaginta. 494 Ein Freudenschrei ging durch das Land vom Libanon bis zu den Quellen des Jordan. Glückberauschte Mütter eilten den heimkehrenden Söhnen entgegen, schluchzende Frauen begrüssten ihre Männer und selbst blinde Väter Hessen sich auf die Landstrassen führen. Das ganze Land begrüsste seine Kinder. „Das Buch hat uns gerettet," erklang es auf den Bergen. „Das Buch hat sie gerettet," tönte es in den Thälern. Zweiundsiebzig Greise rüsteten sich zur Fahrt nach Alexandrien. Auf Wagen und Eseln, auf Pferden und Maultieren, von ihren Dienern und dem Gefolge begleitet, zogen sie durch die Länder, und ihnen war, als gingen sie nicht ihren Gräbern entgegen, sondern einer zweiten Jugend. In Alexandrien empfing sie am Sonnenthrone der Herrscher des Landes Aj-Gabt Ptolomaios Philadelphos stützte sich auf seinen Sohn Energetes und die junge Berenike. Eine glänzende Schar umgab den König. Auf den Mauern sangen Chöre. In den Strassen streuten Reihen von Mädchen Myrthen und Kosen vor die Füsse der schreitenden Greise. Mit dem Monarchen und seinen Kindern an der Spitze begab sich der ganze Zug ins Schloss. Jedem der Greise wurde ein eigenes Gemach zugewiesen, und eine zahlreiche Dienerschaft sorgte für alle Bequemlichkeiten, die ihr Alter erwünschen konnte. Aber der König-Philosoph wollte ihre Sinne erst prüfen, ehe er ihnen jenes wichtige Werk der Uebersetzung anvertraute. So versammelte der königliche Philosoph denn jeden Morgen, wenn die Harfen und Sambuken, die Flöten und Lauten, die Posaunen und Trommeln erstarben und der Chorgesang im Blau verklang, die Greise um sich zum weisen Gespräche. Dann herrschte die feierliche Stille über Alexandrien, bis die Sonne unterging und die gleichen Scharen, die den glücklichen Tag am Meeresufer begrüsst hatten, ihm das Abschiedslied sangen und ihn segneten. Denn mit jedem dieser Tage näherte sich der König-Philosoph den Greisen um einen Gedanken. Am siebenten Tage aber hatten der König- Philosoph und die zweiundsiebzig Greise aus Palästina ihre Gespräche vollendet. Von den basaltenen Löwen auf den Erdwällen durch die Arkaden in Bruchium bis zum Tore des Mondes, und vom Tore des Mondes bis an den Rand des Meeres standen Reihen von Mädchen und Jünglingen und Männern und streuten Lewkojen und Rosen. Schiffe mit gekrümmten Schnäbeln und golddurchzogenen Purpursegeln lagen am Ufer; die Ruder waren mit Blumenguirlanden geschmückt und kostbare Matten bedeckten die Bänke. Die Greise sollten übers Meer nach der nahen Insel Pharos ziehen, um dort in der Ruhe der Palmenhaine das grosse Werk zu vollbringen, die Uebersetzung der heiligen Bücher, welche Arbeit man später das Buch der Zweiundsiebzig oder die Septuaginta nannte. Doch bevor die gerührten Greise sich von dem königlichen Philosophen verabschiedeten und die Schiffe bestiegen, trat der Aelteste, der fast hundertjährige Eseias, vor und redete. Eine grosse Stille legte sich über die Erdwälle. Eseias pries erst die Grösse Gottes, die den Gesetzgeber und die Propheten zu einem solchen Buche erleuchtet hatte. Und weiter sprach er von dem Herrscher des Landes Aj-Gabt, der unter dem Einfluss dieses Buches ein grosses Werk vollbracht hatte, grösser war es als die Errichtung des Tempels Salomos und herrlicher als die sechzig Türme Zions. Denn Ptolomais Philadelphos hatte hunderttausend von menschlichen Wesen die Freiheit geschenkt .... „Solch ein Werk hat niemand vor ihm getan, seit die Welt ist", sagte Eseias .... „Hier auf diesen blumendurchzogenen Erdwällen", sprach er, erklang jener Sturm des menschlichen Weinens, als sie für ihre Befreiung dankten, hier soll auch das Wort der Mahnung erschallen .... Das Buch hat sie gerettet, das Buch wird sich über die Welt verbreiten und allen Völkern der Erde von ihnen reden, dem Buche sollen sie treu bleiben .... Wer aber den Inhalt verrät, der ist ein Ungläubiger gegen das Buch oder ein Kleingläubiger. Wer ihn verwandelt, ihn ändert, wer ihn mit seinen Gedanken beschmutzt oder mit seinen Worten befleckt .... der soll in die gleiche entsetzliche Sklaverei verfallen, aus der das Buch seine Söhne und Enkel erlöst hat .... die Unfreiheit soll über ihn kommen, in der jene Hunderttausend am See Maraiotis gestöhnt haben, die heute die heilige Luft der palästinischen Felder atmen! Eine gewaltige Rührung überkam die Menge. Die Greise streckten feierlich ihre Arme aus und schworen. Die zitternde Berenike lehnte sich an den Vater und Energetes verbarg seine Stirn in den