Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Die Septuaginta
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 491 - 492 (sequence 3)
- Language
- German
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49 L Andreas Niemojewski: Die Septuaginta. 492 raschem Sinn durchdrang, jener König-Philosoph hatte kein Auge für das Elend und die furchtbare» Not dieser Unglücklichen und hörte nicht ihre Seufzer und sah nicht die bluttriefenden Stöcke in den Händen der Aufseher, noch die Wunden, die sich ihm entgegenstreckten, noch die bestürzten Gesichter. Er hielt diese Arbeiten für eine grosse Tat, die er der Kultur künftiger Jahrhunderte noch vermachen wollte. Wieviel Tränen und knirschende Flüche er mit ihnen den Jahrhunderten hinterlassen sollte, daran dachte er nicht. Diese Sklaven waren keine Menschen. Hatte doch sogar sein göttlicher Lehrer, wie die Rollen bewiesen, sich seine ideale Republik nicht ohne Sklaven vorstellen können. Ein Herrscher war er und ein Weiser, jegliche Folge verband er mit ihrer Ursache, die Pflanze mit dem Samen, den Schlag mit den Striemen am Leibe, aber nur soweit sie ihn selber, Berenike, Energetes und die dreimalhunderttausend freien Bürger betrafen; jeder Zusammenhang aber hörte für ihn auf zu sein, wenn es sich um die sechsmalhunderttausend alexandrinischen Sklaven handelte, oder um die hunderttausend Hebräer, die in dem schwarzen Schlamm des Sees Maraiotis wühlten. Bis eines Tages der atemlose Demetrios zu ihm stürzte, der unendlich stürmischen Sinnes war und sich nie durch die Wachen melden liess. In seinen Händen hielt er Rollen. „Lies, mein Monarch," rief er und zitterte vor Aufregung, „eine neue Gedankenwelt." Der verwunderte König griff nach der ersten Rolle. Es waren semitische Schriftzeichen. „Es ist das Buch Bereschit," erklärte Demetrios. „Und hier sind die Bücher Schemot, Waikro, Bemidbor, Deborim, jenei ganze berühmte Pentateuch. Energetes bringt die Rollen der Thyllem, jene Lieder der Lieder, in denen die Freude, die Trauer, die Klagen, die Verzweiflung und der Triumph von Tausenden von Geschlechtern tönen." Der König betrachtete das Buch Bereschit und hob es zum Licht, aber da er die Sprache des Textes nicht fliessend beherrschte, reichte er Demetrios die offene Rolle. Dieser ergriff sie und begann mit feierlicher, singender Stimme den ersten Abschnitt zu lesen. Der König lauschte aufmerksam. Dann stützte er das Kinn auf die Hand. Dann richtete er sich auf. Dann öffnete er die Lippen und flüsterte: „Das ist gross, gross." Seither musste Demetrios ihm täglich Rolle für Rolle vorlesen und die schwierigen Stellen ins Griechische übersetzen. Aber die Bedeutung von vielen Stellen vermochte er nicht zu erklären. Da holte man den Hebräer Arysteias aus Memphis, der ein berühmter Philosoph in dieser Stadt war. Schüchtern anfangs, aber dann kühner und kühner, erklärte er dem König Stelle für Stelle und Zeile für Zeile. Der König liess den gelehrten Hebräer nicht mehr von sich, selbst dann nicht, wenn er nach dem See Maraiotis ging, um den Fortschritt der Arbeiten zu besichtigen. Eines Tages aber, als er wieder am Ufer des Sees stand, unterbrach er das philosophische Gespräch und betrachtete aufmerksam die mit Schlammkrusten bedeckten Sklaven. Dann richtete er seinen Blick auf Arysteias und schaute wieder die elenden Gestalten an. „Das sind Deine Brüder?" Arysteias bestätigte die Frage des Königs. „Und aus diesem Stamme gingen jene Bücher hervor?" Auf Arysteias Gesicht traten leichte Flammen und nur die Augen wurden unendlich traurig. Der Monarch aber blickte noch immer auf die Scharen der Elenden und flüsterte wie zu sich selber: „Ein grosser Stamm, ein grosser'Stamm." Am gleichen Tage noch gab er seine Befehle und die hunderttausend Hebräer wurden wieder in .Freiheit gesetzt. Im Freudenrausch drangen die Scharen dieser Elenden in die Stadt; von allen Seiten umgaben sie den königlichen Palast und wie ein Brausen ertönte der Sturmwind ihres Weinens. Die erschreckten Bewohner Alexandriens verliessen ihre Häuser und blickten mit fragenden Augen nach dem Palast ihres Königs. Selbst von den Schiffen, die nach der Insel Pharos eilten, blickte die Besatzung nach dem Festlande. Denn das Schluchzen, das aus hunderttausend menschlichen Brüsten aufstieg, erklang im Umkreis von einigen Meilen und tönte noch weit über der Fläche des Meeres. Dann las der König mit Aristeias die Psalmen. Und als er sie nun kannte, wünschte er mit der heissen Kraft seiner Seele, die ganze Welt möge sie kennen lernen. Dieses Wissen aber, wünschte er noch, sollte der Welt durch ihn kommen. So erhörte er denn den Rat des Aristeias und sandte Botschaft an den Hohepriester der Stadt Jerusch-Halaim, auf dass er ihm aus jedem Stamme sechs der weissen Männer schicke; diese sollten die grossen Bücher ins Griechische übersetzen. Doch bevor noch die Gesandtschaft die Hauptstadt Palästinas erreichte, kam schon die Nachricht von der Befreiung der Sklavdn.