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Ost und West · 1903-07-01 · Heft 7 (Juli 1903) · p. Seite 495 - 496

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 7 (Juli 1903)
Article
Die Septuaginta
Date
1903-07-01
Page
Seite 495 - 496 (sequence 5)
Language
German
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495 Andreas Niemojewski: Die Septuaginta. 496 Händen. Von dem edlen Gesicht des weisen Königs flössen Thränen auf das weisse, goldgewirkte Gewand. Als dann die Greise die Schiffe bestiegen, warf ihnen die Menge Blumen zu, Frauen rissen die goldenen Reifen aus ihren Haaren, Jünglinge sprangen ins Meer und schwammen mit fröhlichen Rufen um die kostbar geschnitzten Schnäbel. Posaunen erklangen, Trommeln und Zimbeln, Harfen und Flöten spielten. Ptolomaios winkte ihnen den letzten Gruss. Die dreifachen Reihen der Ruder griffen ins Wasser, ein sanfter Wind blähte die Purpursegel und die Schiffe schwammen ins Meer hinaus. Die Sonne berührte gerade mit ihrem flammenden Schild den blauen Horizont und die Röte breitete sich über Himmel und Meer. Die blumengeschmückten Fahrzeuge entfernten sich mit den zweiundsiebzig Greisen. Der König gab ein Zeichen und die Chöre verstummten. Die Menge stand schweigend am Ufer und blickte auf jene Röte und die verschwindenden Fahrzeuge. Da erklang über der Fläche des . Meeres, hinter und in jener Röte, der Psalm der Greise: „Preiset den Herrn, alle Völker, preiset ihn, alle Menschen ..." EINE KLINISCHE REMINISCENZ. Von Dr. S an dl er-Breslau. Immer wieder tauchen in der Nacht, bei der Arbeit, in froher Gesellschaft und allerorten seine verzerrten Züge aus dem Dunkel vor meinein Auge empor, und so oft die Erinnerung an jenen unglücklichen Sohn unseres Volkes an mir vorüberschwebt—der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an. Man weiss, es ist nicht immer moralische Kraft, die den jungen Juden des Ostens, der aus dem engen Gesichtskreis seiner Umgebung mit sinnverwirrender Plötzlichkeit in das westeuropäische Kulturmilieu versetzt wird, und der gar bald seinen Glauben verloren hat — es ist nichi immer moralische Kraft, die ihn wieder froh werden lässt. . . Er hat sich nicht in einer allmählichen Stufenfolge, die in der geistigen Entwicklung des Einzelnen den Werdegang der gesamten Kulturentwicklung nachahmt, zum Verständnis seiner Zeit emporringen dürfen. Durchdrungen; durchtränkt von einer Idee, von einer seine Welt beherrschenden Vorstellung, die ihm als die einzige offenbart worden ist, die aber seine ganze Persönlichkeit ausfüllt, gerät er wie mit einem Sprunge auf den Tummelplatz der Meinungen und Anschauungen und Auffassungen. Und von allen ist es immer wieder eine, die den tiefsten Eindruck auf ihn ausübt — die ihn anfänglich interessiert und in Staunen versetzt, weil sie es wagt, den radikalsten Widerspruch gegen seine Weltanschauung zu erheben, seine heiligsten Empfindungen anzutasten, seine Welt auf den Kopf, zu .stellen; und die ihn späterhin immer mehr gefangen nimmt, nicht nur weil ihn gerade dieser Radikalismus nach dem Gesetz der Kontraste heimlich anzuziehen beginnt, sondern weil sie ihm auch besser und schneller und leichter einleuchtet als jede andere. Denn nicht auf verschlungenen, dunklen, spekulativen Pfaden tastet sie sich vorwärts, sondern die Tatsache ist ihre Stütze, die Beobachtung die Bahn, auf der sie kraftvoll und sicheren Schrittes vorwärts dringt. Er vermag die Tatsachen, auf die er baut, nicht nachzuprüfen, und er vermag sie aus keinem anderen Gesichtswinkel zu schauen, weil ihm die Fülle der Einzelkenntnisse und daher der Bück aufs Ganze fehlt. Erstaunlich rasch scheinen sich ihm tausend alte oder eben erst erkannte Probleme zu lösen. Und da eine Fülle von Erkenntnis auf ihn einstürmt, ergreift ihn der Taumel und er türmt „Konsequenz" auf „Konsequenz", und er weiss nicht mehr das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Und die Wissenschaft, die sich für ihn im abgeschmacktesten Materialismus repräsentiert, die „Wissenschaft" hat gesiegt. Und er wirft seinen Glauben zum alten Eisen — nicht stückweise — im Ganzen, auf einmal. Es ist eine alte Geschichte . . . und wem sie just passieret — o nein, es bricht ihnen nicht das Herz entzwei, sie werden fast alle wieder froh. Es ist nicht immer moralische Kraft, die Kraft der Ueberzeugung, die einem solchen Opfer seiner Erziehung, des jüdischen Volkselends so rasch wieder aufhilft. Mit der neuen „Weltanschauung" ist eine andere Kulturkrankheit in ihn eingezogen: die moderne „Wurschtigkeit" in den grossen Fragen nach dem End und Ziele, entsprungen dem auf das Praktische gerichteten Blick des Gegenwartsmenschen, sagen die einen — ein Kind des Materialismus, die anderen. Sie haben beide recht, sie sagen ja fast dasselbe. Der eine mit blutigem Schweiss, der zweite in ärgerlicher Ungeduld und der dritte mit einem interessanten Lächeln — so gut und schlecht es ein jeder versteht, so zimmert er sich ein mehr oder minder kunstvolles Gebäude zurecht, in dem es sich wohnen lässt. Ob es ganz sicher ist? Gleichviel — man fühlt sich bald darin heimisch, wendet seinen Blick den Fragen des praktischen Lebens zu und gelangt sehr bald zu der Erkenntnis, dass es unhygienisch sei, sich des öfteren und allzusehr aufzuregen, zumal über Dinge, die zu nichts führen. Man verspürt am Ende nicht die geringste Lust mehr, sein Nerven- und Gefässsystem zu zerwühlen, das man für andere Zwecke notwendiger braucht.

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