Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Die Septuaginta
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 489 - 490 (sequence 2)
- Language
- German
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Andreas Niemojewski: Die Septuaginta. 400 spräches verkündete, verliess die ganze Bevölkerung in Festtagsgewändern ihre Häuser. Zahllose Lichter erglänzten. In Ketten von Ro-en und Jasmin waren die Säulen der Arkaden in Bruchium und Rhakotis gehüllt, und zwischen die Blumen hatten geschickte Hände buntfarbige Feuer gesäet. Von der Akropolis stieg der Schein von roten, violetten und orangefarbenen Flammen empor. Zu Fuss und in Sänften drängte sich die Menge vor den Marmorwänden des königlichen Palastes und ergoss sich über die riesigen Erdwälle, zwischen die bronzenen Bildsäulen und basaltenen Löwen, zwischen Springbrunnen und Myrthen und Cypressen. Mädchen, wie luftige Göttinnen, führten Tänze auf. Andere umgaben sie in riesigem Halbkreis und schlugen mit dem Plektron gegen die Harfen oder griffen mit geschickten Fingern nach den tönenden Saiten der Dychorden und Sambuken. Und weiter schritten Reihen von Jünglingen im Halbkreis , und schlugen Trommeln und Trompeten. Golddurchwirkter Purpur mischte sich mit glänzend weissem und blauem Atlas, der die bräunlichen Körper von der Brust bis zu den Knieen umgab. In den schwarzen Haaren leuchteten goldene Reifen. Die gebräunten Gesichter mit den roten Lippen sprechen von Frühling und dem Wunsch nach Glück. Aus den grossen Bronzevasen schlugen die Flammen des Weihrauchs und warfen verschiedenfarbige Lichter auf die Tänzerinnen und Chöre, auf die Menschenmassen und den Palast, in dem der König-Philosoph sich mit den zweiundsiebzig Greisen zum Mahle setzte. Irgendwo in der Tiefe der Wüste schlummerten vergessene Pyramiden und bemooste Sphinxe durch die Stille der Jahrhunderte, und die Labyrinthe des Rhamses zerfielen in Trümmer. Eine neue Kultur schritt von den griechischen Inseln und legte ihre Grundveste, und in dieser neuen Kultur erglänzte wie ein leuchtendes Meteor ein neuer Gedanke und nahm den tiefen Sinn des königlichen Philosophen gefangen. Ganze Tage hatte er in den Büchereien auf Bruchium oder im Serapeum verbracht. Seine schöne Tochter Berenike reichte ihm die kostbaren Rollen des Plato, während sein Sohn Energetes mit dem Bibliothekar Demetrius Phalaraios nach seltenen Handschriften suchte. Diese Studien unterbrach der Monarch nur, wenn er die Arbeiten am See Maraiotis besichtigte, den er erweitern Hess, um die Ueberschwemmungen des Nils zu bändigen. L. PILICHOWSKI. DAMEN-BILDNIS. Hunderttausend Hebräer stöhnten bei diesen Arbeiten in entsetzlicher Sklaverei; die Geissein der Aufseher peitschten sie, die Sonnenhitze brannte und der Schlamm des Niles bedeckte sie und mischte sich mit ihrem eigenen Schweiss und den Tränen, die sie weinten. Wenn der König sich näherte, schwiegen die heiseren Stimmen der Aufseher und die Peitschen ruhten. Der König stützte sich auf den Arm seines Sohnes und vor ihnen schritt Berenike. Die mageren, nackten, nur um die Hüften mit schmutzigen Fetzen bekleideten Sklaven richteten sich bei ihrem Anblick auf. Mit stummen flehenden Augen sahen sie auf die schöne Königstochter, und stumm streckten sie ihre elenden Arme. Und wenn sie vorüberging, ohne ihrer zu achten, hoben sich schwere Seufzer aus ihrer Brust und auf die furchtsamen Gesichter legte sich schwere, mutlose Trauer. Und jener König-Philosoph, der über der platonischen Idee der Unsterblichkeit grübelte, dessen edle Brust sich hob, wenn er die Apologie des Sokrates las, der die Texte des Aristoteles mit