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Ost und West · 1903-07-01 · Heft 7 (Juli 1903) · p. Seite 485 - 486

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 7 (Juli 1903)
Article
Zum Gedächtnis Steinthal's
Date
1903-07-01
Page
Seite 485 - 486 (sequence 3)
Language
German
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485 Dr. Joseph: Zum Gedächtnis Steinthal's. und die strenge Gewissenhaftigkeit seines ganzen Wesens. Steinthal war zugleich kritisch und tief religiös, voll Verehrung für das wahrhaft Grosse und doch von uneingeschränkter innerer Freiheit. Dies alles ersehen wir deutlich aus seiner Anschauung, die uns wie der Abglanz seiner Persönlichkeit erscheint. So gilt auch in gewissem Sinne von ihm, was er selbst über die israelitischen Propheten sagt: „Diese Männer, welche in Zeiten rohester Gewalt mit unerschütterlicher Gewissheit die idealste Zukunft, die vollkommene Herrschaft einer sittlichen Weltordnung verkündeten, sind als Personen noch erhabener als ihre Reden und Hymnen; und wie oft auch unser Glaube an die Macht des Idealen in der rauhen Welt untergehen mag, an jenen Männern wird er sich immer wieder emporranken." Steinthal hat oft betont, dass seine Ethik atheistisch sei; er wollte damit sagen, dass sie grundsätzlich jede religiöse oder metaphysische Grundlage verwerfe. Es hat ihn unsagbar viel Ueberwindung gekostet, die wissenschaftliche Ethik von der Religion völlig loszureissen. Es kann, es darf nicht anders sein! Das war das Motiv, das ihn einen so schweren Schritt thun Hess. Seine Ethik sollte nicht nur völlig rein, ohne alle eudämonistische Beimischung, sein, sie sollte auch für Atheisten geschrieben sein, damit der absolute und allgemeingültige Charakter der Ethik gewahrt bleibe. Fast möchte man sagen, den Atheisten zu Liebe habe Steinthal den Begriff der Religion weiter gefasst, als es gemeinhin zu geschehen pflegt. Religion, sagt er, ist Liebe zum Guten, Begeisterung für alles Gute, Wahre und Schöne, und insofern der Atheist von ihnen erfüllt ist, darf ihm der Charakter eines religiösen Menschen nicht aberkannt werden. Er selbst aber besass eine tiefe Religiosität, eine innige und reine Frömmigkeit. Religion ist für ihn alles, sie ist keine geistige Macht neben anderen Mächten, neben der Sittlichkeit, Kunst und Wissenschaft, sie muss vielmehr alle geistigen Mächte in sich aufnehmen und ihnen die Hoheit ihres eigenen Wesens mitteilen. Was insbesondere den Gottesbegriff Steinthal's betrifft, so deckt sich dieser ganz und gar mit dem Begriff des Unendlichen, dem die höchste Realität zukomme, insofern alles Endliche erst aus ihm seine ganze Realität gewinnt. Von diesem Unendlichen eine völlig angemessene Vorstellung zu bilden, ist für den Menschen, der mit all seinem Wahrnehmen und Denken in das Endliche eingeschlossen ist, ganz naturgemäs durchaus unmöglich. Gott ist viel zu erhaben über alles menschliche Vorstellen und Denken, als dass wir anders als in Bild und Gleichnis von ihm reden könnten. „Wie scharf, hoch und fein wir auch den Begriff der Gottheit gestalten mögen, es ist nur ein Bild, von menschlichen Verhältnissen entlehnt." Ob wir auch alle Vollkommenheiten in einem alles Menschliche weit überragenden Masse in Gott hineindenken mögen, der menschliche Ausgangspunkt bei der BegrifTsbildung wird immer erkennbar bleiben. „Es kann nicht anders sein, der Endliche kann den Unendlichen nicht denken." Die Gottheit ist das, was wir als Höchstes, als unendlich Vollkommenes verehren. Wollen wir daher, einem unausweichlichen Bedürfnisse unseres Gemütes folgend, die Vorstellung von dem unendlichen Gott mit einem positiven Inhalt erfüllen, so könnte dies kaum anders geschehen, als indem wir Gott als das sittlich vollkommene Wesen betrachten. So sehen wir, dass Steinthal, sobald er versucht, uns den Gottesbegriff menschlich näher zu bringen, seines ethischen Idealismus dabei nicht entraten kann. Und gleichzeitig erkennen wir, dass Steinthal die Anschauung der Propheten, der Gott vor allem als das ethisch heilige, vollkommene Wesen gilt, ganz und gar zu der seinigen gemacht hat. Diese ethisch bestimmte Gottesidee wird nun bei Steinthal zum Ausgangspunkt für die innerhalb der Religion geübte Kritik. So entschieden er auch betont, dass es nicht jedermanns Sache sei, an den überlieferten religiösen Vorstellungen Kritik zu üben, so betrachtet er letztere doch geradezu als eine religiöse Pflicht der hierzu Berufenen. Wer aber wäre hierzu in höherem Grade berufen gewesen, als der Mann, in dem eine bewunderungswürdige Tiefe des religiösen Gefühls und peinliche Gewissenhaftigkeit mit grosser Verstandesschärfe sich in so seltenem Masse vereinigt hatten! Und in der Ausübung dieser Kritik sehen wir Steinthal demutsvoll vor seinem Gotte stehen. Er fragt, was ihm, dem Ewigen, Einzigen, Vollkommenen angemessen ist, und wie der Mensch denken, fühlen und handeln soll, wenn er sich unter ihn, den Ewig-Einzigen stellt. Seine Kritik sucht die prophetische Gottesidee in ihrer Reinheit zu erfassen, indem sie alle mythischen Elemente, die ihr notwendig anhaften müssen, aussondert. Seine Kritik will die geltende Religion an der Idee der Gottheit messen, welche dieser Religion selbst eigen ist. Sie will die in der positiven Religion gegebenen Keime nach der Richtung der eigenen Triebkräfte derselben entwickeln und, wenn sich die Notwendigkeit dazu herausstellt, aus den vorhandenen Formen neue Formen bilden, welche den Inhalt besser ausprägen. Sie fragt, ob unsere Gottesidee so ideal und zugleich so anregend ist, dass sie unsere Lebensführung regeln und leiten, befruchten und kräftigen könne? ob sie alles in sich schliesst, was uns wert und teuer ist und unserem Gemüte Ruhe und Festigkeit verleiht? sie fragt, ob das Verhalten gegen Gott und Menschen, welches uns im Namen unserer Religion gelehrt wird, wirklich ein solches ist, wie es „dem Heiligen Israels" wohlgefällt? Vielleicht, sagt Steinthal, gilt manches als begründeter Glaube, als Lebensregel, was von aussen unberechtigt eingedrungen oder aus veralteteten, geschwundenen Verhältnissen zurückgeblieben ist. Und wenn die Kritik an der einen Stelle ausscheidet, so wird sie an der anderen hinzuthun oder umgestalten, immer von dem innersten Wesen der Religion selbst geleitet, das sich durch die Kritik nur entwickeln und fortbilden will. Denn der Entwicklung ist auch die Religion, wie alles in Natur und Geistesleben, unterworfen, und ob

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