Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Zum Gedächtnis Steinthal's
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 483 - 484 (sequence 2)
- Language
- German
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483 Dr. Joseph: Zum Gedächtnis SteinihaVs. 484 verlässt es leichten Herzens, obwohl er eifrig für die Religion gegen den Materialismus gekämpft hat. Wie ganz anders Lazarus und Steinthal! Beide treten überall mit warmer Begeisterung für das Judentum ein. Der eine präsidiert jüdischen Synoden und reisst durch die Wärme seines jüdisch-religiösen Empfindens alle Teilnehmer der Synode mit sich fort. Der andere übernimmt freudig ein Lehramt an einer Anstalt, die ausschliesslich der Pflege der Wissenschaft des Judentums gewidmet ist. Wo auch immer sich Gelegenheit bietet, sind beide gern und mit Eiler für die Förderung des Judentums thätig. Lazarus und Steinthal sind deutliche Symptome dafür, dass das Judentum nicht daran, denkt, sich aufzugeben und als geistiger Faktor im Kulturleben abzudanken; sie sind verheissungsvolle Symptome dafür, dass das Judentum die schwere Krisis überstehen wird, in die es beim Aufgeben seiner geistigen Abgeschlossenheit und beim Eintritt in die moderne Kultur mitten hineingeraten ist. Wer die Thatsache, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Männer wie Lazarus und Steinthal im Judentum möglich gewesen sind, reiflich erwägt, der wird schon hieraus ermessen können, wie töricht es ist, zu glauben, dass das Judentum seit Mendelssohn in einem langsam fortschreitenden Auflösungsprozess begriffen .sei. Das Judentum glaubt viel zu stark an seine innere Berechtigung und im Zusammenhang damit ist sein Selbsterhaltungstrieb viel zu mächtig, als dass es den Glauben an seine Zukunft verlieren könnte. Wenn uns die Umstände auch veranlasst haben, der beiden eng miteinander verbundenen Philosophen gemeinsam zu gedenken, so sollten doch diese Zeilen insbesondere dem Andenken Steinthal's gewidmet sein. Das moderne Judentum hat allen Grund, sich beider Männer dankbar zu erinnern. Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, dass Steinthal in höherem Grade schöpferisch gewesen ist und, soweit der Erfolg der wissenschaftlichen Arbeit in Betracht kommt, Lazarus entschieden überragt. Letzterer ist im jüdischen Publikum weithin bekannt, und es gab Zeiten, in denen sein Name zu den populärsten im Gesamtjudentum zählte. Wir denken da vor allem an die Zeit der jüdischen Synoden und an die Zeit der beginnenden antisemitischen HEYMANN STEINTHAL. Bewegung, in der Lazarus zuerst mit edler Entrüstung die deutschen Juden zur Abwehr der gegen sie gerichteten Angriffe aufrief. Steinthal's Name dagegen ist, obwohl unsterblich, dem grossen Publikum weniger bekannt.-^ Steinthal war ein in stiller Zurückgezogenheit lebender Denker, ein Theoretiker, der sich im Kampf und Gewühl des praktischen Lebens nicht behaglich fühlte. 1 Nur höchst selten trat er an die OefTentlichkeit. Was das gebildete jüdische Publikum von ihm erfuhr, beschränkte sich auf einige gelegentliche Artikel in jüdischen Blättern und auf seine zu Bibel und Religionsphilosophie gehaltenen populären Montagsvorlesungen, die er zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums im Saal der Gesellschaft der Freunde hielt. Auch von*seiner stillen, verdienstlichen Tätigkeit im deutsch - israelitisch en Ge - meindebund wussten die wenigsten etwas, und nicht viel mehr war den meisten von seiner Lehrtätigkeit an der genannten Lehranstalt bekannt. Und doch, welcher Zauber lag in dieser Persönlichkeit, über die eine stille Wehmut gebreitet war! Schon der äussere Eindruck derselben erfüllte mit tiefer Ehrfurcht. Wer aber erst einen Blick in seine grosse, erhabene Seele getan hatte, der war um eine sehr wertvolle Erfahrung für sein ganzes Leben reicher geworden. Der hohe, reine ethische Idealismus dieses Mannes suchte seinesgleichen. Ein jüdischer Forscher versicherte einmal, er sei mit gar vielen Berühmtheiten in der Welt zusammengekommen, aber einen Menschen von der sittlichen Hoheit eines Steinthal habe er nirgends gefunden. Und man muss in der Tat sagen: Grosses hat Steinthal für die Wissenschaft, zumal für die Sprachphilosophie geleistet, sein Name wird von der dankbaren Menschheit nicht vergessen werden. Aber grösser, als alles, was er geleistet hat, ist er selbst gewesen, erhabener, weit erhabener als seine Anschauung war seine Person! Wollen wir freilich ein Bild von Steinthal's Persönlichkeit geben, dann ist es doch kaum wieder anders möglich, als indem wir uns an seine Anschauung erinnern. Durch seine Anschauung leuchtet die ethische Grösse seines Charakters und seine tiefe Religiosität hindurch, und aus ihr erkennen wir auch die Lauterkeit