Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Zum Gedächtnis Steinthal's
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 487 - 488 (sequence 4)
- Language
- German
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487 Dr. Joseph: Zum Gedächtnis Steinthal's. 488 auch das Wort Gottes in der heiligen Schrift für alle Zeit Geltung hat, so will es doch von dem endlichen Verstände des Menschen immer mehr angeeignet, immer tiefer erfasst werden. Eben darum aber auch, weil die heilige Schrift die ewige, religiöse Wahrheit enthält, weil in ihr Gott als der Unendliche und ethisch Heilige sich offenbart, eben darum kann sie an Hoheit und Ansehen keinerlei Einbusse erleiden, wenn sie, wie jedes litterarische Denkmal, nach den strengen Gesetzen der philologischen Kritik behandelt wird. Die Bibel ist, unbeschadet ihrer überragenden Grösse, ein Buch und hat darum auch alle Schicksale eines solchen erfahren. Sie setzt sich aus Bestandteilen zusammen, die aus weit auseinander liegenden Zeiten herrühren. Sie ist bloss, wie Steinthal sich ausdrückt, „eine heilige Lade, in welcher Esra und seine Genossen so viel sammelten, als gerettet war, oder was zu retten ihnen besonders wichtig schien, alles dasjenige, wovon der Bestand Juda's abhängig war und für immer abhängig bleiben wird. Es sind Bruchstücke, nichts als Bruchstücke." Und wenn Steinthal nun hinzufügt, dass hier ein Verlust zu beklagen sei, schmerzhafter als alles, was wir sonst noch verloren haben, als Staat und Volkstümlichkeit, Land, und Tempel, so erwächst daraus, wie er ausdrücklich betont, für den Philologen die zugleich schwere und hohe religiöse Pflicht, an diesem Reste der heiligen Litteratur eine ernste und besonnene Kritik zu üben, in jedem Augenblick dessen eingedenk, dass es das Gottesbuch ist, dem er seine wissenschaftliche Tätigkeit zuwendet. Welche tiefe Verehrung der Philosoph für die Bibel empfand, beweisen seine zahlreichen Abhandlungen und Bemerkungen über die religiöse Grösse, die sittliche Hoheit und die aus beiden herrührende ästhetische Erhabenheit der Bibel. In seiner Abhandlung über „die Erzählkunst der Bibel", in der er, wie er gerne tat, die unvergleichliche Schönheit der heiligen Schrift beleuchtet, finden sich die wie ein Bekenntnis klingenden Worte: „Wer die Hoheit des einfachen Grossen gemessen und die Gewalt, welche dieses auf das Gemüt übt, kennen lernen will — eine Einfachheit, welche gross, an einer Grösse, welche einfach ist, der lese die Bibel." Und in derselben Abhandlung, die er mit den Worten „die Bibel und kein Ende" schliesst, sagt er von der heiligen Schrift, sie wirke wie die Natur und die Wirklichkeit selbst, sie veralte und schwäche sich nie, die Kultur mag steigen, so hoch sie nur irgend kann. „Wie Winter und Frühling, Grab und Hochzeit den Menschen ohne Rücksicht auf Bildung für immer ergreift, so das Bibelwort." Schon das Wenige, was wir hier über SteinthaFs religiöse Anschauung und seine Stellung zum Judentum beigebracht haben, beweist zur Genüge, in wie hohem Grade er tiefe Ehrfurcht vor dem wahrhaft Grossen mit einer uneingeschränkten inneren Freiheit zu vereinigen verstand. Steinthal befand sich nicht mehr im Bann der Ueberlieferung, aber, wie wenige andere, wusste er zu schätzen, was von ewigem Werte in ihr war. Auch ihm war etwas von dem kritisch zersetzenden, auflösenden Geist des modernen Juden eigen, aber dieser Geist bildete bei ihm nur den Durchgangspunkt zu einem höheren Positiven. Schon regt sich im gegenwärtigen Judentum die Sehnsucht nach neuer, positiver, schöpferischer Betätigung. Der jüdische Geist, der sich verloren hatte, ist nahe daran, sich wiederzufinden und in einer neuen Form langsam wiederzuerstehen. Die Geschichte der inneren Sammlung und Wiedergeburt des Judentums wird stets rühmend auf Männer wie Steinthal und Lazarus hinweisen, die für den Drang des Judentums, weiter zu leben und sich neu zu gestalten, von symptomatischer Bedeutung gewesen sind. DIE SEPTUAGINTA. Von Andreas aus dem Polnischen Seit einer Woche war Alexandrien die Stätte ungewöhnlicher Festlichkeiten. Der mächtige Herrscher des Landes Aj-Gabt, König Ptolomaios Philadelphos, bewirtete in seinem Marmorpalast zweiundsiebzig Greise. Jeden Morgen, wenn die Sonne sich kaum von ihrem Purpurlager erhob, standen am Ufer des mittelländischen Meeres unzählige Scharen von Mädchen und Jünglingen und Frauen und Männern. Erst ertönten die süssen Kitharen, die dreieckigen Lauten und die zum goldenen Bogen gespannten Harfen. Dann mischten sich die Flöten, die Zimbeln und Posaunen in ihren Klang, bis aus Tausenden von Brüsten der Chorgesang hervorquoll und zum Himmel aufstieg. Niemojewski, ven Anna Scliapire. Den ganzen Tag aber herrschte dann eine feierliche Stille in der Stadt. Niemand betrat die Strasse und selbst in den Häusern verständigten die Bewohner sich durch leises Flüstern. Der mächtige Herrscher des Landes Aj-Gabt, der König- Philosoph, redete mit den Greisen. Und jeden Abend, wenn die sinkende Sonne die blauen Weiten des mittelländischen Meeres rötete, standen die gleichen unzähligen Scharen am Ufer und es erklang ein Lied, das dem glücklichen Tage den Abschiedsruf schenkte und ihn segnete. Denn der König-Philosoph hatte sich den Greisen um einen Gedanken genähert. Erst wenn die saphyrfarbene Nacht mit ihrer sternbekränzten Stirn das Ende des täglichen Ge-