Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Zur Psychologie des Renegatentums
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 455 - 456 (sequence 3)
- Language
- German
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455 Fabius Schach: Zur Psychologie des Renegatentums. 456 Verräter der Judenheit, auch nach ihrem verhängnisvollen Schritt liebten sie ihre alte Gemeinschaft und sie wurden Träger des Lichtes und Verkünder der Freiheit für alle und oft auch für ihren äusserlich von ihnen verlassenen Stamm. So zog sich diese zerfahrene, aber von einem hohen Idealismus getragene Periode bis zum Abschluss der Emanzipation hin. Es bröckelten Steine vom alten Gebäude ab, wie bei jeder Renovierung, aber es war ein natürlicher Prpzess, der im Geiste der Zeit lag. Der Kulturhistoriker mag es bedauern, dass die Entwicklung keine anderen Bahnen einschlug, aber er kann diese Renegaten verstehen und darum kann er sie nicht verachten. In Deutschland war tatsächlich der Trieb zur Amalgamierung das Motiv der Handlung. Man wollte sich ganz eins mit dem deutschen Volke fühlen und glaubte, dem mit der Glut der Jugend geliebten Deutschtum das Opfer des Uebertritts bringen zu müssen. Man war im Wahne, das Kleine, Veraltete aufgeben zu müssen, um im grossen Garten der deutschen Kultur mit ganzem Herzen arbeiten zu dürfen. Mit dem Jahre 1871, mit der Gründung des Deutschen Reiches, war dieser Prozess, so weit er als natürlicher zu bezeichnen ist, abgeschlossen. Das deutsche Volk gewöhnte sich daran, die Juden als homogenen Teil des neuen Reiches zu betrachten und viele Juden erwarben sich die höchste Achtung. Die Regierungen zeigten häufig den besten Willen, die Konsequenzen der Emanizipation zu ziehen, und die Juden lernten allmählich, sich als deutsche Bürger und als Juden zu fühlen. Es lagen also von dem Moment ab für Uebertritte keine edleren Motive, keine inneren Gründe mehr vor. Und wenn nun die Taufen nicht nur nicht aufhörten, sondern in erschreckendem Masse zunahmen, so ist das ein trauriges Symptom. Denn es zeigt sich hier, wie siech und morsch der jüdische Charakter geworden ist, wie wenig sittliche Kraft und männliche Würde in ihm geblieben ist. Und wie eine schleichende Krankheit zieht sich diese betrübende Erscheinung die ganzen letzten drei Dezennien hindurch. Sie wird nur oft durch die antisemitische Hochflut für kurze Zeit unterbrochen; kommt wieder Ebbe, dann findet man, wie am Meeresstrande, tote Fische und leere Muscheln, und der Auswurf zeigt sich in seiner ganzen Abscheulichkeit. Ich habe Verständnis für eine Tat, die einer grossen Leidenschaft entspringt, auch wenn sie traurige Früchte zeitigt, ich suche die Stürme des Lebens zu begreifen, auch wenn sie verheerend wirken. Wenn jemand aber mit kaltem Herzen, aus reinem Strebertum alles, was seinen Eltern heilig war, mit Füssen tritt, so ist das etwas Niedriges, das schon vom ästhetischen Gesichtspunkt als innere Unreinlichkeit bezeichnet werden muss. Es giebt ja gar keinen beweiskräftigeren Antisemitismus, als wrenn Juden selber durch ihre Flucht schreiend bekunden, dass ihr Judentum niedrig, ihre Gemeinschaft verächtlich ist. In Russland, da lassen sich die Leute taufen, um Brot zu finden, um nicht vom Beruf und Haus gejagt zu werden. Der Kampf ums Dasein spielt sich nicht harmlos ab, er nimmt oft blutige Formen an, — das ist also noch zu verstehen. Aber in Deutschland, wo den Juden mit Ausnahme der Staatskarrieren alle Berufe offen stehen, wo die Mischehen gesetzlich gestattet sind, da kann man schlechterdings kein inneres Motiv für diesen schmachvollen Schritt finden. Unsere heutigen Helden sprechen schon von einem Martyrium, wenn sie auf die Offiziersepauletten verzichten müssen, und sie schämen sich nicht vor ihren Vorfahren, die ihr Leben für ihre innere Ueberzeugung geopfert haben. Die Taufe ist heute meistens ein Passierschein, um in die höheren aber wahrlich nicht hohen Kreise einzudringen, eine Möglichkeit mehr, Titel und Orden zu erlangen. Von einem Bedürfnis zur Amalgamierung kann nicht mehr die^ Rede sein, dennfür den vernünftigen Deutschen sind die heutigen Juden sicherlich Deutsche genug und für den Antisemiten, dem ein Tropfen Blutes mehr bedeutet als alle Kultur, hilft die Taufe sehr wenig. Hier ist jeder innere Massstab des höheren, feineren Menschen nicht angebracht, es ist etwas Grobsinnliches, Rohes, es ist ein hässliches, unsauberes Geschäft. Diese Elemente suchen keine Erkenntnisse, werden von keinen Problemen gequält, ihnen ist die Taufe wie eine neue Equipage, eine neue Villa, eine neue Maitresse — ein Gegenstand des Behagens und des Protzentums. Sie erkennen das Christentum nicht als etwas Höheres an, sie würden, wenn dies modern wäre, ebenso leicht Mohamedaner werden. Das Judentum haben sie nicht innerlich überwunden, sondern einfach abgestreift. Das Christentum ist ihnen nicht die höhere, sondern die äusserlich-moderne, die bequemere, weniger schmerzliche Religion. Mit den kältesten, herzlosesten Erwägungen gehen sie zum Pastor und mit cynischer Ruhe empfangen sie die Taufe. Sie degradieren so alles innere religiöse Leben zu einer Farce, sie höhnen über Juden- und Christentum, weil beide ihnen fremd, rein äusserlich