Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Zur Psychologie des Renegatentums
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 453 - 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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453 Fabius Schach: Zur Psychologie des Renegatentums. 454 1 Äf-jr « ••S'.Jfc:«- "V;! / Wissens, und mich packt eine wilde, verzehrende Sehnsucht, hinaus aus der dumpfen Atmosphäre, aus der Welt der starren Formeln und toten Buchstaben! hinaus in die Welt der Schönheit und Freiheit! Die erste knospenhafte Liebe kann nie zarter, heiliger aufkeimen als diese Bildungsinbrunst. Dann aber schaue ich zurück auf alles, was mir bisher teuer war, und ich fürchte, etwas zu zerstören. Zwei Welten kämpfen in der jungen Brust, ich trenne mich von manchem Alten mit Tränen im Auge und gelobe mir, ein Bote des Lichts, ein Kulturträger zu sein und mein Leben der Aufklärung meines Volkes zu weihen. Einem jeden von uns ist es so gegangen, und bei unsern Ahnen in Westeuropa war es vor hundert Jahren dasselbe. Ist es nicht begreiflich, dass nicht alle den steilen, schmalen Weg zu ihrer Gemeinschaft zurückfanden, dass nicht alle diesen schweren Kampf überwanden? Ja, die meisten, die sich heil in die neue Welt hinüberretteten und aus alten und neuen Trümmern sich ein neues inneres Heim zimmerten, schöpften ihre Kraft eigentlich mehr aus dem Gemüt als aus dem Intellekt; aus der Erziehung und aus den J ugenderinnerungen erwuchs ihnen die jüdische Kraft. Ich begreife es wohl, dass in vielen der Drang nach Freiheit so stark wurde, dass sie darob jede andere Rücksicht vergassen. Wozu karges Licht in das alte Dunkel hineintragen? Ich stürze mich lieber selber in die grosse schöne Welt. Was bedeutet das kleine Ideal Israels gegenüber dem Grossen, Gewaltigen, das ich dafür ein- ISMAEL GENTZ. IM TEMPEL tausche? Ich werde Mitglied einer grossen, lebensfrischen Kulturnation, darf in ihr und für sie schaffen, darf mit ihr leiden und jubeln und helfen, alles Morsche beseitigen und neue Bahnen für eine freie Menschheit herstellen. Welch ein grosses Glück! So dachten gar viele, die damals, wahrlich nicht ohne inneren Kampf, Israel denRücken wandten. Es ist töricht, die Renegaten dieser Sturm- und Drangperiode als hohle Streber zu betrachten. Es waren meistens subjektiv ehrliche Idealisten, nur Helden waren sie nicht, sie unterlagen dem Freiheitsrausch und gingen an einer falschen Begeisterung zu Grunde. Es fehlte an einer festen Brücke zwischen der alten und der neuen Welt, man musste hinüberschwimmen, und die Wogen waren zu stark, und manchen verschlangen die Fluten. Diese Brücke könnte geschlagen werden, wenn die Entwicklu ng langsam und gesund vor sich ging, aber dazu war das jüdische Temperament nicht geschaffen. Ein Hasten und Eilen ging durch die Welt, etwas Ueberspannt- Idealistisches, Nervöses, Messianisches lag in den Gemütern. Es war ein ewiges Suchen mit der Seele, dem nur selten ein Finden entsprach. Dazu kam noch der Nebel der Humanität, der zarte Duft einer Verbrüderungssehnsucht, der seit der französischen Revolution die Gebildeten Westeuropas wie ein rosiger Schimmer umgab. Man verwechselte die paar Idealisten mit dem Volk und glaubte, die Bestie im Menschen über Nacht töten zu können. Nein, die damaligen Renegaten wraren keine Feinde und keine AQUARELLBILD. ZU TRIPOLIS.