Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1903)
- Article
- Zur Psychologie des Renegatentums
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 451 - 452 (sequence 1)
- Language
- German
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451 452 ZUR PSYCHOLOGIE DES RENEGATENTUMS. Von Fabius Schach. Das Renegatentum ist eine Krankheit, die Israel in Westeuropa seit der Epoche der Emanzipation begleitet. Ich will hier mit dem Worte Emanzipation nicht die Zeitgrenze bezeichnen, da die Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen' wurde, sondern ich denke an die Zeit, als der Emanzipationskampf angefangen hat, also an den Moment, als die Juden in die westeuropäische Kultur eintraten, und der Drang nach Freiheit, nach neuem, frischem Leben in ihnen wach wurde. Früher — in Deutschland bis zur Zeit Moses Mendelssohns — bildeten die Juden Westeuropas eine Fremdenkolonie im tiefsten, innersten Sinne des Wortes. Ihr Tun und Trachten, ihr Sehnen und Fühlen ging nach der Richtung des eigenen Volkstums. Das Ideal der Zukunft nahm die Gestalt der alten nationalen Vergangenheit an, sie sehnten sich nach einer Erlösung und nicht nach einer Auflös ung. Was ging sie die fremde Kultur an? Sie war ihnen etwas Äusserliches, das die Seele garnicht berührt, innerlich hatten sie eine andere Kultur, die Kultur Altisraels. Sie bildeten eine geschlossene Einheit, und noch mehr als die äusseren Mauern des Ghettos umschlossen sie ihre Vergangenheit und ihre Zukunft. Sie mussten zusammenhalten, weil sie nicht anders konnten, denn Religion war ihnen Leben und das Ghetto das Reich des innern Daseins. Alles Grosse erschöpfte sich im Schosse der Gemeinde, und der innere und äussere Mensch fühlte sich organisch mit der Gemeinschaft verschmolzen, ohne die Gesamtheit war er nur ein Atom, ein Nichts. Wer sich aus der Gemeinde Gottes flüchtete und zu den Feinden draussen ging — was sehr selten vorkam —, der war ein elender Deserteur, ein Verräter seines Volkes, ein charakterloser Mensch, der meistens bezahlter, berufsmässiger Judenfeind wurde. Es ist bezeichnend, dass man ein solches Subjekt Meschumed — den Vertilgten — nannte. Ein solcher Überläufer hatte sich selbst ausgestossen und jede Beziehung zur Vergangenheit abgeschnitten, er hatte jedes Gefühl für Israel verloren, er hatte sich aus dem angestammten Boden entwurzelt. Die Gemeinde war eine grosse Familie mit gemeinsamen inneren und sozialen Interessen. Es blieb für den anständigen Juden nur eins übrig, auszuharren, in Freud und Leid zu den Genossen zu halten und zu hoffen, sein Wohl innerhalb des Wohles der Gesamtheit zu erwarten. Nun aber löste sich allmählich die Leichenstarre des Ghettos^ und neues Leben fing an sich zu regen. Der düstere Schleier wich, und die Sonnenstrahlen drangen ins jüdische Herz hinein. Die europäische Kultur, die man für etwras rein Äusserliches hielt, schlich sich in die Seele hinein und rief hier eine gewaltige Revolution hervor. Sie war die verbotene Liebe, beseligend und vernichtend, göttlich und sündenhaft. Früher war es die Harmonie des Todes, nun begann der Kampf des Lebens. Ja, es fing der schwerste Kampf an, den die Judenheit im Laufe der Geschichte zu kämpfen hatte: das Ringen des neuen Kulturlebens mit der jüdischen Volksseele. Die Verschmelzung dieser beiden Welten ist ein Problem, mit dem wir auch heute noch nicht fertig geworden sind. Die bis dahin gebundene innere Kraft löste sich und entrang sich der Fesseln. Es kam wie ein Frühlingssehnen über die Judenheit der Abendländer, dem ein Frühling mit Dornen, mit Blumen des Schmerzes, mit süssen Leiden und bittern Freuden folgte. Es war die Epoche des höchsten Idealismus, des qualvollsten Ringens nach Licht und Freiheit. Der gewaltige Drang aber braust wie ein wilder Sturm und fragt nicht nach Grenzpfählen; das überschäumende Leben nimmt oft wilde Bahnen. Die Juden der heutigen Generation, die in Freiheit und Kultur geboren sind, ahnen kaum, welche Seelenkämpfe sich in der Brust ihrer Ahnen zur Zeit der Morgenröte abgespielt haben. Nur wir, die wir in Osteuropa geboren sind und hundert Jahre später dieselbe Epoche mit all ihren intimen Reizen und Schmerzen erlebten, können uns in die Seele dieser alten Pioniere hineinversetzen. Wir, die wir noch die düstere eigenartige Poesie des „Cheders" (Judenschule) auf uns haben einwirken lassen, wissen, was für gewaltige Mächte da einwirkten und wie die jüdische Seele da von Stürmen und Gefühlen gepeitscht wurde. Ich sehe mich als 14jährigen Knaben in Wolosin, der grössten talmudischen Hochschule. Ich sitze des nachts in meinem Kämmerlein bei Kerzenschein und lese verstohlen deutsche Bücher, mit einem heiligen Schauer, wie eine zarte Jungfrau, die die Liebesbeteuerungen ihres Auserwählten liest. Und über mich kommt es wie ein himmlisches Rauschen, wie wenn eine neue, lichte, freie Seele in mich einzöge. Und jedes deutsche Gedicht ist mir eine Offenbarung, jeder neue Gedanke ein Quell reinen