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Ost und West · 1903-06-01 · Heft 6 (Juni 1903) · p. Seite 413 - 414

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 6 (Juni 1903)
Article
Moriz Lazarus
Date
1903-06-01
Page
Seite 413 - 414 (sequence 6)
Language
German
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413 Dr. Bernhard Münz: Moriz Lazarus. 414 offenbart, gehört mithin in den Rahmen der Völkerpsychologie hinein; es ist eine Kulturgeschichte idealen Stils, um die es sich hier handelt, indem zugleich in und mit dem Detail der Entwicklung die herrschenden Gesetze zur Darstellung gelangen. Beide Sphären der psychologischen Forschung werden folgendermassen gegeneinander abgesteckt: Es verbleibe der Mensch als seelisches Individuum Gegenstand der individuellen Psychologie, wie eine solche die bisherige war; es stelle sich aber als Fortsetzung neben sie die Psychologie des gesellschaftlichen Menschen oder der menschlichen Gesellschaft, die wir Völkerpsychologie nennen, weil für jeden Einzelnen diejenige Gemeinschaft, welche eben ein Volk bildet, sowohl die jederzeit historisch gegebene, als auch im unterschied von allen freien Kulturgesellschaften die absolut notwendige und im Vergleich mit ihnen die allerwesentlichste ist. Einerseits nämlich gehört der Mensch niemals bloss dem Menschengeschlecht als der allgemeinen Art an, andererseits ist alle sonstige Gemeinschaft, in der er etwa noch steht, durch die des Volkes gegeben. Die Form des Zusammenlebens der Menschheit ist eben ihre Trennung in Völker und die Entwicklung des Menschengeschlechts ist an die Verschiedenheit der Völker gebunden. Die Schöpfung der Völkerpsychologie hat unsere Lebens- und Weltanschauung erhöht, erweitert und vertieft. Es darf jetzt als ein allgemein anerkanntes Gut wissenschaftlicher Erkenntnis betrachtet werden, wenn überall in kulturhistorischen und psychologischen Untersuchungen die Idee der sozialpsychologischen Anschauung das Leitmotiv bildet; vor allem ruht die so überaus fruchtbare moderne vergleichende Rechtswissenschaft ebenso wie natürlich die Soziologie und Völkerkunde auf diesem Prinzipe, welches geradezu als das organische Bindemittel zwischen Naturwissenschaft und Kulturgeschichte im weitesten Sinne des Wortes bezeichnet werden kann. Lazarus war nicht ein Jude und auch ein Völkerpsychologe, er war auch nicht Völkerpsychologe und auch Jude, sondern er ist Völkerpsychologe geworden, weil er ein Jude war. Der Zukunftsgedanke einer Einheit und Gleichheit der ganzen Menschheit, wie ihn die Juden hegen, brachte ihn auf die Idee der Völkerpsychologie, und je mehr er Völkerpsychologe wurde, desto mehr ist er Jude geworden. Seine Zugehörigkeit zum Judentum war kein blosser Widerschein der Liebe zu den Eltern, sondern sie haftete tief in seinem Innenleben. Die Religion bildete einen wesentlichen, einen höchsten Teil seines Daseins, das Herz im Organismus seines Geistes. In einer Zeit, in der mit der Religion soviel arger Missbrauch getrieben wird, hat er dem deutschen Volke die goldenen, wie Sphärenharmonie klingenden Worte zugerufen: „Es sei denn, dass man die Religion um ihrer selbst willen sucht, sonst wird man sie nicht finden". Unter den deutschen Glaubensgenossen hat Lazarus Jahrzehnte lang als ein treuer Mahner und ernster Warner gewaltet. Er hat bildend, erziehend und veredelnd auf sie eingewirkt. In Wort und Schrift und Tat bewies er den gebildeten, in angesehener sozialer Stellung sich befindenden Juden, dass man ein guter Jude und zugleich ein guter Deutscher sein könne, dass das Ausharren bei der alten Fahne, auf der geschrieben steht: „Adonaj nissi! Der Ewige ist mein Panier!", an welcher Blut genug klebt, aber unser eigenes eine Ehrenpflicht gerade der Gebildeten bleiben müsse. Viele und Hervorragende haben durch ihn das Bewusstsein ihrer Existenz als Juden empfangen, haben durch ihn erfahren, wie viel Wärme, Liebe und Poesie das jüdische Leben ausstrahlt. Immer den Idealen nachstrebend, das Gute wollend und hoffend, hat er den Glauben an die Sendung Israels und an seine Zukunft unter allen Verhältnissen mit treuer Liebe gelehrt und betätigt; denn die sichere Grundlage seiner Kraft und seiner schöpferischen Wirksamkeit war, dass er mit tiefer Ehrfurcht auf den Gottesgeist in der Geschichte blickte, der sich in dem Lebensgang Israels so wunderbar offenbart. Ueberall hin, in alle Weiten zog mit ihm die Verheissung des Propheten: „Und mögen auch die Berge wanken und die Hügel weichen, so wird doch meine Gnade nicht wanken und der Friedensbund nicht aufhören, den ich mit dir geschlossen habe, spricht der Erb armer, der Herr Zebaoth!" Fest in dem Glauben seiner Väter wurzelnd und ihn durch die Völkerpsychologie vertiefend, hat er sich in das Seelenleben des grössten Propheten, der zugleich der grösste tragische Charakter der Weltgeschichte war, des Propheten Jeremias, versenkt und ein überwältigendes Bild von der inneren Triebkraft und Geistesmacht in seinem Handeln und Reden entworfen. Er hat ferner eine Renaissance des Judentums angebahnt, indem er die wenig gekannte und viel verkannte Ethik desselben für die Mit- und Nachwelt gewissermassen neu entdeckte. In der Widmung an Lazarus, die Steinthal seiner 1885 erschienenen „Allgemeinen Ethik" vorausschickte, heisst es unter anderem: „Auch du bist jetzt mit einer grossen ethischen Arbeit beschäftigt: die letzten rauhen Jahre haben sie dir aufgetragen, eine wesentlich historische. Du wirst das Moment des objektiven ethischen Geistes, das die Geschichte dem Volke Israel- Juda verdankt, darstellen. Die Missverständnisse, die du verbannen willst, werden darum in und ausser Juda nicht völlig schwinden; aber wer die ethische Lehre und das ethische Leben der Juden kennen lernen will, wird dann doch wissen, wo er eine umfassende objektive Darstellung beider suchen darf." Steinthal hatte seinen Lazarus sehr richtig beurteilt. „Ethik des Judentums"! Gibt es denn aber, fragt man unwillkürlich, ein einheitliches Judentum, welches dasselbe geblieben wäre von Anfang an bis zum heutigen Tage? Wurde nicht zu allen Zeiten und in allen Ländern das Judentum durch zahllose kulturelle Einwirkungen

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