Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Moriz Lazarus
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 411 - 412 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583911-2587275--02985-2587353- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
411 Dr. Bernhard Münz: Moriz Lazarus. 412 Teil desselben ansehen, dann „würde sie, psychologisch betrachtet, ■ nichts als die Schwäche der Poesie und eine Entartung des Geschmacks anzeigen: ein zerrissener Sammetrock mit Seide geflickt, zwar Sammet und Seide, aber doch geflickt". Eine besondere Abhandlung widmet Lazarus der Freundschaft. Und wer wäre berufener gewesen, über Freundschaft zu schreiben, als unser Philosoph? Die Freundschaft, welche nicht fortschreitet und wächst, weiche nicht ihren höchsten Gipfel zu erklimmen vermag, verwelkt: sie bricht an irgend einem Punkte zusammen, wo ihr die Kraft ausgeht. Darum zerfallen die meisten Freundschaftsbündnisse, weil den wenigsten der Atem bis zur Spitze ausreicht. Von dem Bunde zwischen Lazarus und Steinthal," dessen Entwicklung die feinsinnige Gattin des ersteren in einem Aufsatz: „Wie Lazarus und Steinthal Brüder wurden" anmutig geschildert, gilt dies nicht. Diesem Bunde ging der Atem nicht eher aus, als bis Steinthal die Augen für immer schloss. Die Freundschaft der beiden so gemütsverwandten und geistig doch so verschiedenen Naturen datiert von ihrer Studentenzeit. Als Lazarus 1850 geheiratet hatte, war es besonders der Freitag-Abend, welcher die Freunde in inniger Gemeinschaft beisammen sah. Er war für Steinthal die Oase seines damaligen Lebens.. Bald aber stellten sich der Freunde mehr zum Freitag-Abend ein: Paul Heyse, der zusammen mit beiden die Vorlesungen seines Vaters über Sprachphilosophie gehört hatte, Friedrich Eggers, nachmaliger Professor der Kunstgeschichte, Jakob Bernays, wenn er nach Berlin kam, und andere mehr feierten eine Zusammenschliessung der Seelen, welche, ernst und fröhlich zugleich, wohl zu dem Genussreichsten gezählt zu werden verdient, was einem jungen Manne geboten werden konnte. Je geräuschvoller es aber dabei zuging, desto wortkarger wurde Steinthal. Er hörte wohl noch zu, aber nahm kaum mehr teil an der Unterhaltung. Er entbehrte offenbar den traulichen, ungestörten Gedankenaustausch mit dem Freunde. So wurde denn für den Sonntag ein weihevolles Alleinsein vereinbart. Aber nur zu bald war bekannt, wie interessant die durch die mannigfachsten Gesprächsstoffe gewürzten Sonntagsabende seien, und nun stellten sich allmählich nicht bloss die alten, sondern sogar noch neue Freunde am Sonntag ein, und wieder sah sich Steinthal um das Alleinsein mit dem Freunde betrogen. Schmollend blieb er einigemal aus, bis endlich der Dienstag — Ki tow — für das Freundespaar bestimmt und allen anderen ein unsichtbarer Riegel vorgeschoben wurde. So ging es durch drei Jahre ungestört fort, bis bei Steinthal seine tiefe Neigung und hohe Begabung für linguistische Studien immer deutlicher und zwingender sich herausstellte und ihn veranlasste, sich nach Paris zu begeben. Als Steinthal nach drei Jahren seine dortigen Studien mit glänzendem Erfolge vollendet hatte, stand er vor der inhaltsschweren Frage, was er nun beginnen solle. Auf der einen Seite winkte ihm die Sprachphilosophie und die Rückkehr nach Deutschland ins Dozentenleben; auf der anderen Seite die Linguistik, und zwar vorzugsweise die Sinologie mit dem Eintritt in den französischen Staatsdienst. Durch seinen Lehrer im Chinesischen wurde ihm gleichzeitig eine Stelle bei der chinesischen Gesandtschaft unter sehr günstigen Bedingungen angeboten. Seine Sehnsucht zog ihn jedoch in die deutsche Heimat. Wovon sollte er aber dort leben? Man weiss, wie es mit dem Los der Privatdozenten bestellt ist, und Steinthal war überdies ein geborener Sorgenspinner. Glücklicherweise war Lazarus der Sorgenbrecher, und so konnte der Freund ruhig der Stimme seines Herzens folgen. Deutschland hat es also Lazarus zu danken, dass Steinthal ihm erhalten blieb. Den Kernpunkt ihrer Freundschaft bildete nun ihre weitere gemeinsame Fortbildung in wechselseitiger Befruchtung zu schöpferischer Arbeit. Es verging kaum ein Tag ohne gegenseitiges Forschen, Fragen, Lehren und Lernen. So wurden die beiden Männer Lehrer und Schüler für einander. Die Frucht der Wechselwirkung war die Bereicherung der Philosophie um die Völkerpsychologie und die Gründung der „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" (1859 bis 1887). Lazarus hat in den ersten Bänden der Zeitschrift eine Reihe von Abhandlungen veröffentlicht, welche als mustergiltig und grundlegend angesehen werden dürfen. Eine derselben, welche sich über „Die Ideen in der Geschichte" verbreitet, bietet zugleich einen wertvollen Beitrag zur Philosophie der Geschichte und zur Theorie der Geschichtschreibung. Sie vertritt in ausdrücklichem Gegensatze zu den Geschichtsauffassungen Hegels und Buckles den teleologischen und in weiterer Beziehung den theistischen Standpunkt. Die Völkerpsychologie fusst darauf, dass der Mensch durchaus und seinem Wesen nach gesellschaftlich ist, d. h. dass er zum gesellschaftlichen Leben bestimmt ist, weil er nur im Zusammenhang mit seinesgleichen das werden und das leisten kann, was er soll, so sein und wirken kann, wie er zu sein und zu wirken durch sein ureigenstes Wesen bestimmt ist. Auch ist tatsächlich kein Mensch das, was er ist, rein aus sich selbst geworden, sondern nur unter dem bestimmenden Einflüsse der Gesellschaft, in der er lebt. Jene unglücklichen Menschen, die in der Einsamkeit des Waldes wild aufgewachsen waren, hatten vom Menschen nichts als den Leib, dessen sie sich nicht einmal menschlich bedienten; sie schrieen wie das Tier und gingen weniger, als sie kletterten und krochen. So lehrt traurige Erfahrung selbst, dass wahrhaft menschliches Leben der Menschen, geistige Tätigkeit nur möglich ist durch das Zusammen- und Ineinanderwirken derselben. Der Geist ist das gemeinschaftliche Erzeugnis der menschlichen Gesellschaft. Hervorbringung des Geistes aber ist das wahre Leben und die Bestimmung des Menschen. Die ganze Fülle des schaffenden Volksgeistes, die sich in Sprache, Mythologie, Religion, Recht, Sitte und Kunst