Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Secher-Jabes
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 401 - 402 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Ammiel 2× ep/1003420
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401 Richard Huldschiner: Secher-Jabes. 402 Wird er ein Schwert schwingen? Wird er den Pfeil gegen unsere Brust entsenden? Wehe, dass wir sterben müssen!" Die Zwillinge lächelten nur und Ahimaaz sagte : „Wir beide wollen zusammen sterben." Machir hielt seine Knie mit beiden Armen umschlungen und sein weisser Mantel wehte im Steppenwind. Er sang aber ein leises Lied und sah starr nach Westen, wo über der niedergegangenen Sonne schwarzes, nächtiges Dunkel brütete. Nur Meribaal trug ein Schwert. Das hatte er quer sich über den Schoss gelegt. Und seine Augen spähten scharf in die Nacht. Armoni stand immer noch am Rande des Hügels gegen den Mond. Und als er sprach, da klang es fest und ohne Zittern: „Ich weiss nicht, wie wir sterben werden. Gott weiss es allein." „Sie werden feige kommen" sagte Meribaal — „hinter den Getreidehaufen sich verbergen, tausend gegen uns sieben. Sie werden kommen in dunkler Nacht." „Wenn der Morgentau fällt, ist alles vorüber", sagte Sobi, und Zadok fiel auf sein Antlitz und weinte. „Ich fürchte mich. Ich höre schleichende Schritte." „Das ist der Schakal, der aus der Wüste kommt, um in unserm Brunnen zu trinken." „Nie noch habe ich einen Schakal gesehen", sagte Ammiel, das Kind, und legte seinen Kopf in Machirs Schoss. „Mein Bruder Machir, sing mir das Lied von der Rose zu Mahanaim." Und Machir sang: „Siehe, sie blühet auf den Bergen Jehu. Sie blühet und die Sonne glüht ihr zu. Nicht flieht vor ihrem Schritt die schlanke Gazelle; denn sie ist kein Schrecken den Tieren der Wüste und kein Zittern den Vögeln des Feldes. Rose von Mahanaim, was tatest du am Brunnen meines Vaters, als der Nachttau fiel? Du botest mir den Gruss und deine kühlen Arme, die weiss und rund sind wie schlanke Säulen am Hause des Herrn. Und deine hellen Augen lachten. Tief ist der Schatten meiner Terebinthe. Weich ist das Moos des Haines Jehojadas. Ein Fels will ich dir sein, ein sicheres Haus, ein Schutzdach vor dem Regen Gileads ..." Aber die Nacht schritt vor. Und der Mond hob sich in den Zenit und wandelte bedächtig und schwand. Und ein Sausen kam von der Wüste Gad, trieb das Dunkel vor sich her und goss es aus über das Land, also dass der Hügel Secher-Jabes in Nacht versank. Grad aufgerichtet sass Meribaal da und bewachte den Schlaf Ammiels, des Kindes, während Zadok leise weinte und die Brüder in dumpfer Erwartung sannen. Es war um die Stunde, da der Wächter zum letztenmal die Runde macht. Von der Ferne kam ein Trappeln und Sausen, ein Rascheln in dürren Halmen, ein Wispern und Raunen, und die Nacht verlor jeden Schimmer von Helle. Sobi drängte sich an Ahimaaz und fragte: „Wie ist dir, Bruder?" „Mir ist, als ob eine Binde um meine Augen gelegt wäre. Mir ist, als ob ein eiserner Reifen mein Herz zusammenpresste. Mir ist kalt und nicht einmal deine Hand wärmt meine Schulter." „Ich sehe Meribaal nicht mehr. Hörst du, wie Ammiel atmet?" „Das ist nicht Ammiels Atmen. Das ist das Schleichen der Rächer." „Hörst du nicht Schwerter leise klirren?" Und Zadok stöhnte : „Warum kommen sie nicht und töten uns? Warum warten sie noch?" Machir flüsterte leise : „Ich habe meinen Mantel auf der Brust zerrissen. Ich warte." Und sie sassen wieder regungslos und um den Stein von Secher-Jabes mit den sieben dunkeln Gestalten, die in den Himmel ragten, schloss sich immer enger der Kreis der Feinde. Der Tau fiel und die Gabirot-Blume strömte Duft aus, dass rings um den Hügel eine Wolke von Wohlgerüchen sich lagerte. „Wie ist dir, Bruder?" flüsterte Sobi. „Mein Blut kocht in den Adern. Ich sterbe." Ein Zischen verschloss ihm den Mund. Er fiel vornüber und ein Blutstrom brach über Ahimaaz her. Der zweite Pfeil, der leise surrend aus den Feldern kam, legte den Zwilling zu seinem Bruder. In dunkler Nacht schwang Meribaal das Schwert. „Auf! Brüder, auf! Lasset uns kämpfen! Nicht feige wollen wir zu Grunde gehen!" Aber Armoni fiel ihm in den Arm. „Mein Bruder! Wer kann gegen Gott streiten!" Dann beugte er sich auf den schlafenden Ammiel nieder, küsste seine Stirn und bereitete sich zum Sterben, während Zadok zitternd das Antlitz in Meribaals Mantel verbarg. —