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Ost und West · 1903-06-01 · Heft 6 (Juni 1903) · p. Seite 399 - 400

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 6 (Juni 1903)
Article
Secher-Jabes
Date
1903-06-01
Page
Seite 399 - 400 (sequence 2)
Language
German
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399 gegangen. Unser Bruder Jonathan ist dahingegangen. Alles, was dem Könige diente, ist vernichtet. Wir haben keinen Teil mehr an dieser Erde. So wollen es die, die David gehorchen. — Wer aber sind sie, die jetzt die Herren sind? Ist uns nicht die Faust geblieben und das Schwert? Sind wir Weiber, dass wir uns nicht wehren?" Aber Armoni verwies ihm die Rede: „Nicht also, mein Bruder! Das Urteil ist gefallen. Und uns bleibt nichts als Unterwerfung. Denn siehe! Ich hatte das Ohr des Königs, unseres Vaters. Und wenn die Schwermut seinen Geist verdüsterte, dann gedachte er der Blutschuld, die wegen der Gibeoniten auf ihm und seinem Hause lastete. Nun ist der Vater tot, der Hohe und Gewaltige, und jener, der seinen Thronsitz eingenommen, hat uns den Gibeoniten preisgegeben. — Wie? Sollen wir dem Mute des Vaters Schande machen? Sollen wir uns weigern, die Sühne auf uns zu nehmen? Das willst du nicht, Bruder. Ich kenne dich, das willst du nicht." Und Sobi und Ahimaaz, die Zwillinge, lächelten ihm zu. Machir aber, der Begeisterte, hob beide Arme, wrarf die gelben Locken zurück, die seine Stirn umringelten, und sprach: ,Jch sehe ein Tal des Friedens. Rose von Mahanaim, wie rot sind deine Lippen! Rose von Mahanaim, vergeblich wirst du deine Blicke aussenden nach dem Geliebten. Gott hat ihn hinweggeführt. »Sein Weg ist dornig und weit. Aber er führt nach dem Tal des Friedens. Verhülle dein Haupt und streue Asche! Und wenn du getrauert siebenmal sieben Tage, dann mache dich auf zu dem Zelte des Herrn und streue Rosen! Denn also will es Gott, der Herr. Ich breite meine Arme aus, ich hebe meine Stirn dem Lichte entgegen, mit meinen Knieen furche ich den Sand des Ufers — — Rose von Mahanaim! Wir gehen dahin und lobpreisen ihn, der da ist der Herr." — Sie assen und tranken und sprachen nur wenige Worte, jedes Wort ein Abschied und jedes Wort eine ewige Bedeutung. Ammiel aber, das Kind, dessen Mund zu lachen verstand wie der Maienmorgen im Palmental — Ammiel sprach: „Was essen wir und trinken wir zu später Stunde und rüsten nicht den morgigen Tag? Meine 400 weissen Tauben fliegen schon ein in ihren Bau. Meine weissen Pfauen haben sich zur Ruhe gelagert. Ich bin müde." Da legte Meribaal ihm seinen Arm um den weissen Nacken und sagte: „Wir werden schlafen, Ammiel." — — Aber Rizpa sass abseits und rührte sich nicht. Und als die Sonne hinter den Bergen verschwand, wie eine glühende Pflugschar, die der Schmied in zischendes Wasser taucht, da erhoben sich die Sieben, gingen ein jeder zu Rizpa hin und berührten mit ihrer Stirn den zitternden Mutterschoss. Und keiner sprach. Nur Ammiel sagte schmeichelnd: „Mutter, die Brüder nehmen mich mit auf das Feld. Willst du mir derweil ein rotes Band in meine Schuhe flechten?" Aber auch jetzt öffnete Rizpa nicht den festgeschlossenen Mund. Und während die Sieben rasch den Weg zum Steine Secher-Jabes einschlugen, sass sie da, steil aufgerichtet wie ein Bild aus Marmor und starrte brennenden Auges ihnen nach. — — Es war die Zeit der Ernte und das Korn stand in grossen Haufen, so weit das Auge trug. Nur um den Hügel Secher-Jabes war eine Ode, drei Steinwürfe breit und sieben Steinwürfe lang. Dürres, vertrocknetes Gras und ein verkrüppelter Tamariskenstrauch — das war alles. Aber der Stein lag da, grau und mächtig, mit seltsam verschobener Form, und trug ein Zeichen eingemeisselt, das niemand zu lesen vermochte, selbst Elkanan nicht, der Priester Gottes. Es flogen die Raben um den Stein und die Gewitter berührten seine Spitze. — — Nacht war es, als die Todgeweihten den Hügel betraten. Der Mond schwamm gross und düster rot über den zitternden Dünsten des Horizontes. Da trat Annoni an den Rand des Berges, breitete die Arme aus und rief: „Hen*! Herr! wrir sind bereit, gepriesen sei der Ewige, unser Gott!" Ammiel aber sagte : „Was macht ihr alle für ein streng Gesicht? Ich freue mich. Es ist die erste Nacht, die ich auf freiem Feld verbringe. Seht doch, wie rot der Mond am Himmel steht!" Sie lagerten sich und warteten. Und nichts regte sich in weitem .Umkreise, so weit in Nacht und Dunst das Auge trug. Da fragte Zadok: „Wie werden wir sterben? Wird Gott selbst uns wohl von hinnen führen? Richard Huldscbiner: Secher-Jabes.

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