Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 395 - 396 (sequence 10)
- Language
- German
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295 Georg Hermann: Max Liebermann. 39& Netzflickerinnen, Mann in den Dünen u. s. f. Die Bewegung ist hier bis zu letzter Möglichkeit der Darstellung gebracht. Räder schnurren, klappern, Fäden schwirren, der Wind packt und wirft die Kleider der Menschen, die sich gegen ihn anstemmen. Velasquez war der erste, der ein Rad in Bewegung zeichnete; bei einem Sonnenwagen Renis können wir trotz der schäumenden Rosse die Speichen zählen. Das scheint nur eine Aeusserlichkeit, aber es ist mehr. Es heisst in der Kunst die Illusion des Lebens wecken, das Leben künstlerisch verklären. Und gerade dass Liebermann all das so garnicht geistreich, sondern so ureinfach giebt, macht seine Bedeutung und Grösse aus. Alle andern sind raffinierter als er. Wenn seine Komposition nicht so stark wäre, könnte man sie oft reizlos finden. In seiner besten Zeit ist Liebermann uninteressant;, ich verstehe, dass man an Werken von ihm vorbeigehen kann, wenn sie nicht gerade durch die Grösse auffallen. Man hat gesagt, dass Liebermann Mitte der neunziger Jahre von dieser Höhe herabgestiegen ist, aber dem ist nicht so; es sind nur neue Ziele, denen er sich zuwendet. Vor allem hat er als Kolorist und im Festhalten der Impression einen Weg in den letzten Jahren zurückgelegt, eine stete Entwickelung gehabt, die wir bei einem Fünfzigjährigen bewundern, er lernt immer und kennt keinen Stillstand, jeder Rückblick auf einmal Erworbenes wird ihm wieder zum Blick nach Vorwärts. Pastellstudien, die er in den letzten Jahren geschaffen, eröffnen neue Perspektiven, er ist oft jetzt zu einer Liebenswürdigkeit der Farbe gekommen, welche man bisher nicht in ihm ahnen konnte. Wenn .Liebermann nicht eine so bedeutende Anzahl von Monumentalwerken der Welt gegeben hätte, so könnte man wohl behaupten, dass eigentlich im Intimen, in der Studie, der Zeichnung, der Radierung, dem Pastell, der Lithographie er sein Bestes und Feinstes offenbart hätte. Ich kenne eine Reihe von kleineren Arbeiten verschiedenen Materials von ihm, deren Reiz unbeschreiblich ist; für den, der •u'%^"\; 'r-j^&^h*$$&i°* MAX LIEBERMANN. (Für „Ost und West" gezeichnet.) für die künstlerischen Werte empfänglich ist, sind es Freuden für Augen und Sinne, es ist hier eine Unmittelbarkeit der Sprache, wie sie dem Gemälde nicht gegeben ist. Alles ist aus dem Material — der Tiefe der Kohle, der Aetzung, der Schärfe der Nadel, dem Duft der Pastellstifte, dem Korn des Steins herausgeholt, was es nur herzugeben vermag. Diesen Arbeiten Liebermanns müsste eine eigene intime Studie einmal gewidmet werden. Für Aufgaben einer grosszügigen, raumschmückenden Kunst, die seiner Begabung ausserordentlich liegen, hat sich ihm nur einmal Gegelegenheit geboten. Gerade für die Monumentalmalerei hat ja der Staat oder die Stadt, die hierin meist Auftraggeber sind, so wenig Verständnis gezeigt, dass den Deutschen endlich jeglicher Sinn dafür abhanden kam. Auch hier spielen Liebermanns wenige dekorativen Schöpfungen jene ehrenvolle Rolle, die dem Maler Zeit seines Lebens in allen Dingen zugefallen ist, die des Hechtes im Karpfenteich. Als Bildnismaler ist es ihm ähnlich gegangen. Mit einem Schlage war er da, man erinnert sich an das Bild des Petersen und den Lärm, den es gab. Es war so garnichts das Bildnis, das man kannte, nichts drum und dran, keine geistvolle Paraphrase, nur der Mensch schlicht, ernst, tatkräftig. So hat er der Zeit eine Reihe ihrer feinsten Köpfe bewahrt. Bode, Hauptmann, Virchow, Meunier, Fontane u. s. f. Sonst hat er Bildnisse nur von seinen Familienmitgliedern gemalt,. Vater, Mutter, Frau und Kind. Ich möchte auch nicht all und jeden malen; Menschen, die mich nichts angehen, mich nicht interessieren; ein Stück Liebe gehört dazu. Die Freude spricht aus Liebermanns Bildern seiner Tochter, — aber kein närrischer Vaterstolz, der einen kleinen Engel sieht, nein, so wie es ist, liebt er das Kind. Als letztes möchte ich noch über Simson und Delila sprechen. Man hat dem vorgeworfen, dass sie unbiblisch wären; die Malerei will man gelten lassen,, man spricht von Rembrandt davor, aber als Versinnbildlichung eines Bibeltextes wäre es doch trivial. Wer weiss, ob nicht spä- (M^iC- . , ■»Ttf^gi.^---; -Jy*. w*** •■; - ■'■: .t- ^0m^. V f^t/^t£^±f /H^tU*^fuU^ SKIZZE.