Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1903)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 393 - 394 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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393 Georg Hermann: Max Liebermann. 394 Arbeiten ein reichliches Detailstudium, eine Fülle von Typen geschaffen wurde, tritt bald die Impression in ihr Recht. Ein Blick umspannt nicht alle Punkte, alle Gründe des Bildes mit gleicher Schärfe. Ich sehe keine Totalität, im Hintergrund und in den Nebendingen empfinde ich nicht mehr als charakteristisch gegliederte Flecke, die in's Gesamtbild sich einordnen. Eine Krönungsfeier in hundert Portraits ist ein Unding und entspricht keinesfalls dem malerischen Wesenseindruck, während dasBreite , Unbe - stimmte der Nebendinge die Illusion des Bewegten, des Lebens steigert. Liebermann hat nicht das Spezialisten - tum der Zeit, sondern eine künstlerische Totalität, die uns fast altmeisterlich anmutet. Er ist in gleichem Masse Landschafter, wie Figuren- und Tiermaler, wie Porträtist, er hat sich nicht einseitig entwickelt. In der holländischen Dorfstrasse kommt diese Totalität Landschaftliche MAX LIEBERMANN. SCHREITENDER MANN IN DEN DUENEN, zum vollsten Ausdruck. Das hier ist von einer Frische und lebensprühenden Wahrheit, die dem Können und der Versenkung in die Natur für jene Tage weit vorausgeeilt ist. Und es verlohnt schon einmal das Studium der Tiere auf den Bildern Liebermanns, nur um zu sehen, wie fein Bewegungen erfasst und konstruktiv erklärt sind. Mit dem Ende der achtziger Jahre erreicht die Kunst Liebermanns ihre Höhe, eine Monumentalität bei biblischer Einfachheit; er kündet den Stolz der Arbeit und lässt den Menschen wie einen Baum in der Erde wurzeln. Der Vortrag ist breit und beispiellos kühn, die Bewegung wuchtig. Ein ziehender Arm, wie der der Frau mit den Ziegen, ist nicht wieder gemalt worden. Die grauen, schlichten Dünen, der weite, leis verschleierte Himmel geben mit der schlichten Kleidung eine wunderbare Tonfeinheit. Die Silhouette ist stets kühn, grandios, die Plastik bis zu reichster Befriedigung unseres Tastgefühls gesteigert. In diesen modernen, realistischen Bildern, denen man vorwarf, dass sie die Natur plump und kunstlos abschilderten, ist eine Kraft des Stils — man verstehe, des Stils — die ganz und gar altmeisterlich. Ueberhaupt liebt man es immer, Künstler wie Liebermann als Neuerer, als Revolutionäre hinzustellen, die brückenlos keine Tradition kennen, Kunstanarchisten ohne Kultur. Wenn man aber die Augen aufmacht, so wird man sehen, dass gerade sie die Erben und Vermehrer alter Kunst sind, und in viel engerem Kontakt mit den Grossen von einst stehen, als die, welche ihnen ihre Voraussetzungslosigkeit zum Vorwurf machen. Zu jener Höhe der Liebermannschen Kunst müssen wir die Flachsscheuer rechnen, die Frau mit der Ziege, die OELGEMAELDE (1896?)